Tage 21 – 26 / Grövelsjön – Fjällnäs
Am Tag meines Aufbruchs von Grövelsjön habe ich mehr Menschen angetroffen als in den ganzen drei Wochen davor. Viele unternehmen von Grövelsjön aus Tageswanderungen oder campen am nahe gelegenen Rogen-See. An diesem Tag wird deutlich, was typisches skandinavisches Fjäll-Wetter bedeutet: Laufe ich im einen Moment im schönsten Sonnenschein, kämpfe ich in der nächsten halben Stunde gegen eine mir ins Gesicht schlagende Regenfront an und lehne mich gegen stürmischen Wind. Wieder wird es mild und warm, kurz darauf gerate ich in einen Hagelschauer. Heute ist einfach alles dabei.





Gegen Abend treffe ich auf Christian aus Deutschland, welcher ebenfalls auf dem Södra Kungsleden bis nach Storlien unterwegs ist. Bei der Rasthütte Slagusjön, welche auf einer Hochebene zwischen zwei Seen liegt, schlage ich am Abend mein Zelt auf, die Stimmung hier oben ist gigantisch und der Tag wird durch eine herrliche Sonnenuntergangsstimmung gekrönt. Christian übernachtet ebenfalls hier oben, und in der Hütte kochen wir auf dem Feuer zu Abend und tauschen uns über unsere Wander-Pläne aus.


Rogen, das wunderschöne, wilde, unbezähmbare Rogen-Naturschutzgebiet, mit seinen schwierigen, steinigen, herausfordernden Wegen. Eine Gegend, welches ihresgleichen sucht. Ein langgezogener See, dessen Ausblick der Sicht aufs weite Meer gleicht, mit Sandstränden, gesäumt von Kiefernwäldern. Ich bin in den vier Tagen, in welchen mich mein Weg hierdurch führt, über die Schönheit dieses Gebietes einfach nur am staunen.





Am zweiten Tag nach meinem Aufbruch von Grövelsjön laufe ich zusammen mit Christian. Die Übernachtung am Abend in der vom STF betriebenen Rogenstugan, welche direkt am See liegt, ist luxuriös. Hier gibt es einen kleinen Shop, in welchem Fertiggerichte, Konserven, Süssigkeiten und andere Kleinigkeiten ergattert werden können. Trotz der auf der Website des STF veröffentlichten Meldung, in diesem Sommer seien keine spontanen Übernachtungen möglich in den Wanderhütten, finden wir hier diverse freie Zimmer vor und werden vom Hüttenwart auch ohne Voranmeldung freundlichst empfangen. Wir kriegen sogar Häppchen von im See frisch gefangenem Fisch zum Probieren und im hauseigenen Erdkeller gekühltes Dosenbier. So lässt es sich leben!

Am nächsten Tag möchte ich eigentlich gerne eine längere Tagesetappe schaffen und stehe deswegen verhältnismässig früh auf. Ich komme anfangs gut voran und der Weg führt mich durch schönes und wildes Seen-Gebiet mit knorrigen alten Kiefern- und Fichtenbeständen. Irgendwo verpasse ich eine Abzweigung; der Weg ist aber weiterhin orange markiert, also mache ich mir überhaupt keine Gedanken beziehungsweise bemerke nicht, dass ich auf einem anderen Weg laufe als geplant. Auch hat mir ein Wegweiser bestätigt, dass ich in Richtung „Skedbrostugan“ laufe. Ich weiss zu diesem Zeitpunkt nicht, dass zu dieser Hütte ein zweiter, praktisch gleichlanger und topografisch ähnlich verlaufender Weg führt. Unterwegs suche ich eine auf der Karte eingezeichnete Hütte, welche ein wenig abseits des Weges liegen soll und wo ich rasten möchte, kann sie aber beim besten Willen und auch nach langer Suche nicht finden. Also geht’s zurück auf die markierte Route. Dort begegne ich einer Wandergruppe, welche mir bestätigt, dass sie von der Skedbrostugan komme. Ich laufe weiter unterhalb einer Bergkette entlang, und fange mich immer mehr an zu fragen, was mit diesem Weg nicht stimmt. Ich hätte meines Erachtens schon lange eine markante und beschilderte Wegkreuzung erreichen müssen, welche aber auf sich warten lässt. Zudem entferne ich mich zunehmend von der Bergkette, was ebenfalls der Wegführung gemäss Karte widerspricht. Mein Kompass hingegen sagt mir, dass ich nach Osten laufe, was gemäss der Karte wiederum korrekt ist. Verpasst kann ich die Kreuzung auch nicht haben, da an dieser ein blauer Wegweiser stehen muss und der Weg gegen Süden nach Norwegen abzweigt. Ich weiss nun mit Sicherheit, dass irgendetwas mit der Orientierung verkehrt läuft, kann mir aber beim besten Willen keinen Reim daraus machen. Nur die Auskunft der getroffenen Wandergruppe und die orangen Markierungen halten mich davon ab, an meinem Verstand zu zweifeln. Und dann, ich bin mir ab meinem Urteilsvermögen doch auf einmal nicht mehr ganz so sicher, stehe ich unverhofft vor der Hütte! Nun bin ich komplett verwirrt, bis mir irgendwann einfällt, etwas von einer parallel verlaufenden Route gehört zu haben. Jetzt löst sich das grosse Rätsel auf einmal auf. Aber es war sehr unangenehm, auf einmal nicht mehr genau zu wissen, wo ich eigentlich stecke. Soviel zu meinen Navigationskünsten…
Auch hier werde ich herzlich von der Hüttenwartin Ina empfangen, und ich kann die eine Hüttenhälfte, das heisst, einen grossen Koch- und Aufenthaltsbereich mit zwei Schlafkammern, für mich alleine beziehen. Ein kurzes Bad im See befreit mich von den Anstrengungen dieses Tages, welche heute zugegebenermassen eher psychischer als physischer Natur waren. In der anderen Hüttenhälfte nächtigt eine norwegische Familie mit Baby, welche im Rogengebiet auf zweiwöchiger Kanu-Tour ist. Das Paar hatte heute grosses Angler-Glück und konnte 14 Fische aus dem Wasser ziehen. Die Hüttenwartin fragt mich, ob ich mit zu Abend essen möchte, und ich sage freudig zu. Schnell säubern wir gemeinsam die Fische und nehmen sie aus, und im Nu brutzelt unser Nachtmahl gewürzt und in Folie eingepackt auf dem Feuer. Ich spendiere eine Runde Bier aus dem Mini-Supermarkt, welcher in diese Hütte aus einem mit Vorräten gefüllten Wandschrank besteht. Die Runde ist supergemütlich, mit Kerzenschein und vorzüglichem Essen, welches frischer nicht sein könnte. Ich geniesse die Gesellschaft gerade ungemein, welche mir in den letzten Wochen doch irgendwie gefehlt hat; und auch den anderen scheint das nette Zusammensein gut zu tun. Die Stimmung ist heiter und gelöst, und am nächsten Morgen verabschiede ich mich ein wenig schweren Herzens, aber gestärkt von diesem wunderbaren Ort. Ein von Ina selbstgemachtes Souvenir soll mich künftig an diesen schönen Abend erinnern.



Die Wanderung nach Fjällnäs könnte sowohl landschaftlich als auch wettermässig nicht abwechslungsreicher sein. Die erste Tageshälfte verbringe ich mit der Umrundung von Seen und der Durchschreitung von sumpfigen, aber kargen Baumgebieten. Bei zunehmender Bewölkung steige ich nach dem Mittag wieder über die Baumgrenze auf und geniesse einen letzten Rückblick auf das herrliche Rogen-Gebiet.


Oben im Fjäll, nicht weit vor mir, sehe ich auf einmal einen breiten, braunen und wolligen Rücken hinter einem Hügel verschwinden. „Nein, das kann doch nicht wahr sein“, denke ich mir, während mein Gehirn in Rekordgeschwindigkeit gleichzeitig alle grossen hier lebenden Säugetiere durchspult: Kein Rentier, kein Elch, kein Bär. Ich bin mir sicher, einen Moschusochsen gesehen zu haben! Langsam pirsche ich auf dem Wanderweg voran und schiebe mich mit der Kamera bewaffnet vorsichtig hinter der nächsten Wegbiegung hervor. Tatsächlich steht keine 100 Meter vor mir auf dem Weg eines dieser riesigen, mammutähnlichen Tiere. Wie im Traum mache ich ein paar Fotos und kann mich kaum satt sehen. Ich bleibe jedoch vorsichtig und mache keinen Schritt vorwärts, weil ich weiss, dass man die zotteligen Paarhufer auf keinen Fall bedrängen darf, ansonsten eine solche Begegnung gefährlich werden könnte. Der Moschusochse macht vorerst keine Anstalten, den Wanderweg zu verlassen, und ich überlege bereits, einen grossen Bogen um ihn herum zu machen. Da setzt er sich auf einmal in Bewegung und trottet gemächlich davon, bis er hinter einer Kuppe verschwindet.


Ich hatte irgendwo gelesen, dass Moschusochsen im Winter manchmal im Norden des Rogen-Gebiets zu sehen seien, aber erstens ist momentan nicht Winter, und zweitens soll es gemäss Internetquellen nur sehr wenige Herden hier in Schweden geben (beziehungsweise war es im Jahr 2010 wohl genau eine Herde bestehend aus sieben Tieren). Ich muss also mit dieser Begegnung unglaubliches Glück gehabt haben! Noch jetzt, beim Schreiben dieses Beitrags, läuft es mir kalt den Rücken hinunter…
Zwei Stunden vor Fjällnäs erwischt mich eine Schlechtwetter-Front, und ich kämpfe mich ungefähr eine Stunden gegen mir ins Gesicht peitschenden Regen über die Fjäll-Ebenen. So schnell die Front gekommen ist, ist sie aber auch schon wieder weitergezogen und ich mache oberhalb von Fjällnäs eine letzte Rast in schönstem Sonnenschein.
Auf dem Camping Fjällnäs lege ich zwei Ruhetage ein, erstens um mein hierher geschicktes Paket entgegenzunehmen und dessen Inhalt im Rucksack zu verstauen sowie eines nach Hause zu schicken mit nicht mehr benötigten Karten und anderem Kram, und zweitens um mich mit der künftigen Route auseinander zu setzen. Ich habe nach meiner Ankunft hier nämlich die neuste Meldung der norwegischen Regierung gelesen, dass eine Einreise von Schweden her kommend ohne Quarantäne nach wie vor nicht möglich sei. Mein Plan, in Storlien, welches ich in ca. vier Wandertagen erreichen werde, auf norwegischer Seite weiterzulaufen, ist also zunichte. Von Storlien ist die Wegführung, will man ausschliesslich in Schweden laufen, nicht ganz einfach, und führt erneut häufig entweder Strassen entlang oder durch teilweise wegloses Waldgebiet, was ich eigentlich beides ganz gerne vermeiden möchte. Die Enttäuschung, hier ab Fjällnäs nicht wie ursprünglich geplant über Storlien nach Norwegen und dort im wunderschönen Fjäll durch den einsamem Blåfjella-/Skjaekerfjella-Nationalpark laufen zu können, muss ich erst verdauen. Einige wenige Tage habe ich ja noch, um zu entscheiden, wie es weitergeht. Und zudem habe ich ja gewusst, dass ich meine Tour mit genau diesen Unsicherheiten werde durchführen müssen. Nun versuche ich einfach, das Beste daraus zu machen.