Mit der Norwegen-Wanderung im Jahr 2020 (einmal längs durch das ganze Land) erfülle ich mir einen grossen Traum. Ich habe meine Arbeitsstelle in der Bundesverwaltung gekündet und werde für einige Zeit meine Familie nicht mehr sehen, nicht mehr in unserem Haus leben und meinen geliebten Garten nicht mehr pflegen können. Ich werde für mehrere Monate an keinen Treffen mit Freunden und keinen Grillabenden bei uns zuhause mehr teilnehmen und ich «verpasse» alles, was sich diesen Sommer in meinem gewohnten Umfeld abspielen wird. Was hat mich also dazu bewogen, einfach für einige Zeit zu verreisen und alles hinter mir zurückzulassen?
Am liebsten würde ich dies und jenes…
Ja, es erfordert einiges an Mut, die gewohnten Strukturen und die persönliche Komfortzone zu verlassen, insbesondere eine Arbeitsstelle zu künden und nicht genau zu wissen, wie es nach der Reise beruflich weitergehen soll. Zudem braucht es eine gewisse Risikobereitschaft und es ist bestimmt nicht jedermanns Sache, eine solche Auszeit zu geniessen, ohne zu wissen, ob man anschliessend wie gewohnt weiterarbeiten kann und wieder über ein sicheres Einkommen verfügt. Ich bin aber der Überzeugung, dass man im Leben ungeachtet damit verbundener Unsicherheiten mehr von dem tun sollte, was einem wirklich Spass macht, Erfüllung bringt und gut tut. In unseren Leben sind meiner Meiung nach viel zu viele Dinge vorhanden, die wir aufgrund von Erwartungen anderer Leute tun müssen (oder zumindest meinen, es tun zu müssen), welche uns entweder gar nicht gefallen oder uns letztendlich sogar schaden.
Mein Rat ist deshalb: Streiche einige von diesen Dingen, und ersetze sie mit solchen Aktivitäten, welche du wirklich tun möchtest und die dir gefallen. Dabei geht es nicht nur um grosse Projekte oder Reisen, und du musst nicht zwingend dein gewohntes Umfeld verlassen und alleine unterwegs sein, um deine Erfüllung zu finden. Ich möchte dich vielmehr ermutigen, einen Schritt zu wagen, der dich weiterbringen könnte: Vielleicht spielst du schon lange mit dem Gedanken, dich selbständig zu machen, weil dir dein jetziger Job nicht gefällt und eine Belastung für dich darstellt, traust dich aber nicht richtig, oder du meinst, dass es sowieso nicht funktionieren kann. Dann setz dich noch heute hin, erstelle eine Liste oder ein Mind-Map, überlege dir, was genau du gerne tun möchtest, was du gut kannst, schreibe die Pro- und Contra-Punkte auf und wäge sie sorgfältig gegeneinander ab, lass dich von einer Fachstelle über deine realistischen beruflichen Möglichkeiten beraten, lies darüber im Internet und in Büchern, sprich mit Personen, welche den Schritt in die Selbständigkeit schon gewagt haben und überprüfe deine vorhandenen finanziellen Möglichkeiten. Wenn nicht wirklich viele Punkte gravierend dagegensprechen, dann TU ES. Wenn du schon lange davon träumst, in deinem Garten oder auf deiner Terrasse in schönem Ambiente tolle Grillpartys mit Freunden zu feiern, dann nimm dir ein Wochenende Zeit, räume den Garten und die Terasse auf, richte sie schön ein (das geht auch günstig mit gebrauchten Möbeln, Pflanzen oder Dekoration) und verschicke Einladungen an deine Freunde, an deine Familie, an Personen, die du schon lange nicht mehr gesehen hat, von denen du dir jedoch seit Jahren sagst, dass es «eigentlich schade sei», dass ihr euch aus den Augen verloren habt. Oder aber, wenn du schon lange und immer wieder davon träumst, eine längere Wanderung zu machen oder alleine zu verreisen, dann überlege dir mal, was genau Negatives dabei geschehen kann oder was du dabei zu verlieren hast, wenn du diesen Schritt wagst, und TU ES EINFACH.
Risiken und Nebenwirkungen
Es gibt natürlich immer einige Punkte, die tatsächlich gegen die Durchführung eines solchen Abenteuers oder anderer Vorhaben sprechen. In den meisten Fällen sind jene Punkte aber bei einer genaueren Betrachtung erstens nicht so schwerwiegend, wie anfangs gedacht, und vermögen zweitens die Vorteile und die reiche Lebenserfahrung, die ein solches Erlebnis mit sich bringt, nicht zu überwiegen. Es wird auch immer Menschen in deinem Umfeld geben, die dir erklären wollen, warum du so etwas nicht tun solltest. Sie finden vielleicht, es sei zu gefährlich, du seist dazu nicht in der Lage, zu unerfahren, zu jung, zu alt, zu dick oder was auch immer. Nebst Leuten, die es mit diesen Einwänden gut meinen (und in gewissen Fällen vielleicht sogar Recht haben), und sich um dich sorgen, gibt es aber auch diejenigen, die dir eine Idee ausreden wollen, weil «man so etwas nicht macht» oder «es sich nicht gehört» oder dies «einfach nicht geht». Vielleicht steckt aber hinter solchen Aussagen auch ein wenig Neid, weil sich die betreffende Person selbst niemals trauen würde, das zu tun, was du vorhast.
Wie du sieht, Widerstände sind immer vorhanden, wenn du etwas Aussergewöhnliches planst, was die meisten anderen Personen in deinem Umfeld nicht tun würden; zumindest die eigenen Zweifel vermögen wohl einige davon abzuhalten, ein ins Auge gefasstes Vorhaben tatsächlich durchzuführen. Aber glaub mir: Ist der Entschluss erstmal gefasst, geht der Rest praktisch von alleine. Man stürzt sich voller Vorfreude in die Planung und die Zeit bis zum Start geht im nu vorbei.
Um es am Beispiel einer Fernwanderung aufzuzeigen: Das Schlimmste, was passieren kann, ist, abgesehen von unvorhergesehenen Schicksalsschlägen, dass man keinen Spass an der Wanderung hat oder sich verletzt (wobei oft eine Überbelastung von Knien und Fussgelenken im Fokus stehen, welcher man mit gutem Training, Bandagen und einem nicht zu anstrengenden Einstieg in die Tour entgegenwirken kann), und die Wanderung deswegen abbrechen muss. Wenn dies alles ist – warum also nicht? Gefahren wie wilde Tiere, sich Verlaufen oder das Wetter ect. sind oft fälschlicherweise in diesem Zusammenhang erwähnte Risiken, welche einem nicht davon abhalten sollten, eine Fernwanderung durchzuführen. Wildtiere in Europa fürchten den Menschen mehr als umgekehrt, und man kann von absolutem Glück reden, einmal einen Bären, Wolf oder Luchs in freier Wildbahn beobachten zu können – ein Glück, welches den wenigsten Menschen vorbehalten bleibt. Den weiteren Herausforderungen begegnet man mit einer Portion Respekt und gründlicher Planung, und vor allem mit einer sorgfältigen Einschätzung der eigenen Fähigkeiten basierend auf der bisherigen Erfahrung. Eine gute, bereits getestete Ausrüstung ist dabei unerlässlich, und ebenfalls sollte man in den Grundzügen eine Karte lesen können. Bei letzterem Punkt kommt es aber auch wieder drauf an, ob es sich bei der geplanten Tour um eine solche im weglosen, wilden Gebiet handelt oder aber um einen gut ausgeschilderten und oft begangenen Wanderweg mit entsprechender Infrastruktur.
By the way: Wandern ist eine der günstigsten Reise-Arten, insbesondere, wenn du mit dem Zelt unterwegs bist. Das heisst, du musst keine riesengrossen Ersparnisse auf der Seite haben, um wandern zu gehen. Gut ist jedenfalls, wenn deine monatlichen fortlaufenden Kosten, sofern überhaupt noch welche vorhanden sind und du nicht alles gekündet hast, während deiner Abwesenheit gedeckt sind, und du dich unterwegs nicht um solche Dinge kümmern musst. Es muss im Übrigen auch nicht gleich eine mehrmonatige Solo-Tour sein, um die Natur zu erleben und sich damit etwas Gutes zu tun. Geh für einige Tage auf einen kürzeren Wanderweg, schliess dich jemandem an, den du kennst, oder lauf am Wochenende oder einem freien Nachmittag auf den Uetliberg, den Gurten oder die Hundwiler Höhe, setz dich etwas abseits vom Trubel auf einen Baumstumpf oder eine Bank, lass den Blick in die Ferne schweifen und lausche, was du alles hören kannst. Auch kurze Ausflüge können einen beträchtlichen Erholungswert (oder frische Gedanken mit neuen Ideen oder Plänen) mit sich bringen.
Also, meine Motivation für diese Wanderung ist, nicht mehr länger davon zu träumen, sondern sie einfach durchzuführen. Deshalb bin ich auch dazu bereit, für einige Monate die oben genannten Abstriche in Kauf zu nehmen. Was ich dafür von dieser Reise werde mitnehmen können, sind unzählige tolle Erlebnisse, das Gefühl von absoluter Freiheit, eine tiefere Verbundenheit zur Natur und zudem ein Loslassen von Stress und Anspannungen, wie es im Alltagsleben nicht möglich sein würde.