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Tage 27 – 30 / Fjällnäs – Storlien

In Fjällnäs auf dem Campingplatz hatte ich zwei wunderbar erholsame Tage verbracht. Winniefred und Hans, die aus den Niederlanden stammenden Betreiber des Campings, sind herzliche Gastgeber, welche sich um sämtliche Belange ihrer Gäste und insbesondere von Wanderern kümmern. So hatten sie beispielsweise mit viel Engagement dafür gesorgt, dass sie das Versorgungspaket, welches ich hierhergeschickt hatte, auf der Poststelle im etwas entfernten Funäsdalen ausgehändigt bekommen haben, obwohl ich da eigentlich persönlich hätte vorbeigehen müssen. Ich fühlte mich hier von Anfang an herzlich willkommen und gut aufgehoben.

Unter anderem aufgrund eines netten, längeren Abschieds-Gesprächs starte ich am Tag meines Aufbruchs ziemlich spät von Fjällnäs. Gegen Mittag treffe ich, nachdem ich wieder oben im Fjäll angekommen bin, auf zwei ältere schwedische Herren, welche einige Tage mit dem Zelt in der freien Natur verbringen. Wir kommen ins Gespräch und wandern gemeinsam weiter. Meine heutigen Weggefährten interessieren sich für Geografie und Natur und haben denselben Sinn für Humor wie ich. So vergeht der Nachmittag in heiterer Stimmung und mit angeregten Gesprächen wie im Flug.

In der neu errichteten Rasthütte Langsbrottstugan essen wir gemeinsam zu Mittag
Auf der anderen Flusseite liegt die alte, mittlerweile halb zerfallene Hütte
Abstieg vom Langbrottfjället nach Klinken

In Klinken am grossen Fluss Ljusnan, welcher hier im Langbrotfjället entspringt und quer durch Schweden bis ins Meer fliesst, schlagen die beiden ihr Lager auf. Ich möchte noch einige Kilometer auf mich nehmen und verabschiede mich. Die Nacht verbringe ich in der Schutzhütte Svaaletjahke, obwohl ich mein Zelt bereits neben der Hütte aufgestellt hatte. Draussen ist es stürmisch, kalt und es regnet, und ich kann mich beim besten Willen nicht vom warmen Feuer in der Hütte losreissen. Also kuschle ich mich auf der Holzbank in meinen Schlafsack. Tags darauf läuft nicht viel; ich komme bereits am Mittag bei der sensationell gelegenen und ruhigen Faltjägarstugan des STF vorbei und beschliesse spontan, hier zu blieben. Die Hüttenhälfte teile ich mit einer schwedischen, sehr angenehmen Familie. Die Rundum-Aussicht ist atemberaubend, und die Abendsonne rückt die Umgebung in ein besonders schönes Licht.

Bei der Faltjägarstugan ist alles fein säuberlich angeschrieben: Hüttenwart, Holz, Abwasser, Toilette, Badestelle und Trinkwasser

In den beiden kommenden Tagen, an welchen ich das Helags- und Sylarna-Fjället durchschreite, bin ich selten alleine unterwegs. Ich befinde mich in einem beliebten schwedischen Familien-Wandergebiet, und es gibt hier ein sogenanntes „Wanderdreieck“, in welchem man innert drei Tagen bequem und mit kurzen Tagesdistanzen von einer Fjällstation – den riesigen bewarteten Berghütten mit Kiosk und meist einem Restaurant – zur andern laufen und dann wieder zum mit dem Auto erreichbaren Ausgangspunkt zurückkehren kann. Davon wird denn auch rege Gebrauch gemacht: Die Tal-Ebenen um die Fjällstationen herum sind praktisch gepflastert mit bunten Zelten, und in der Sylarnas-Fjällstation, wo ich entgegen meinen sonstigen Übernachtungs-Präferenzen ein Bett reserviert habe, geht es zu und her wie in einem Ameisenhaufen. Mir ist es gleich, nach den heutigen über 30km von der Faltjägarstugan hierher bin ich mit einer Dusche, etwas zu essen, einem Bierchen und einem Bett mehr als zufrieden.

Die Helags-Fjällstation

Auf dem Weg von Sylarna nach Storlien, wo ich den Endpunkt des südlichen Kungsleden erreichen werde, überhole ich während Stunden unzählige Wandergruppen, und teilweise muss ich bei engeren Passagen oder Stegen sogar ein wenig warten. Aber auch dies stört mich heute nicht wirklich; ich freue mich auf die Pause in Storlien und geniesse trotz der vielen Leute die Berglandschaft mit den schneebedeckten Gipfeln. Diese Gegend ist wirklich unglaublich schön, Massentourismus hin oder her… Bei der letzten Fjällstation auf meinem Weg, der Blåhammarens, lege ich eine kurze Pause ein und steige dann ab in die Fluss- und Seen-Ebene vor Storlien. Schnell überschreite ich den letzten Hügel, und schon kann ich die ersten Häuser von Storvallen, einem etwas ausserhalb gelegenen Ortsteil von Storlien, wo meine Unterkunft liegt, sehen. Die heutige Tagesetappe habe ich, obwohl ebenfalls mehr als 30km, ziemlich zügig zurückgelegt, und ich checke am späteren Nachmittag im STF Storliens Fjällgård, einer Wander-Herberge, ein. Der Endpunkt des südlichen Kungsleden ist hier gar nicht gekennzeichnet, nur hinter der Unterkunft führt ein ziemlich unscheinbarer Weg in den Sumpf hinein – ganz anders als das pompöse Holztor in Sälen…

Blick auf Sylarna
Rentiere kurz nach der Blahammarens-Fjällstation

Hier in Storlien werde ich mich um erneut um einige Dinge kümmern müssen; unter anderem um ein gerissenes Ladekabel und das Post-Paket mit dem defekten Rucksack, welches aus mir unerklärlichen Gründen nur von mir persönlich abgeholt werden kann und nun auf der Poststelle meines Wohnorts liegt. Und da ist ja auch noch die Frage nach der weiteren Route… Aber dazu mehr in nächsten Beitrag.

Das ist er also gewesen, der „Södra Kungsleden“ vom Wintersportort Sälen im Bezirk Dalarna bis nach Storlien, Bezirk Jämtland; ein ca. 350km langer Fernwanderweg durch Mittelschweden, immer entlang der norwegischen Grenze. Ein Weg der absoluten Gegensätze: Während man im südlicheren Teil tagelang keine Menschenseele antrifft, läuft man auf der Wegstrecke zwischen den nördlichen Fjällstationen teilweise in Menschenmassen. Man wandert durch einsame Wald- und Moorgebiete, überquert tagelang karge baumlose Fjällebenen, durchschreitet das steinige, wilde Rogen-Gebiet und kommt gegen Schluss vorbei an schneebedeckten und sogar vergletscherten Bergen. Die Wege sind mehr oder weniger ausgebaut, teilweise bestehend aus Holzplanken, manchmal aber auch einfach mitten durch den Matsch, ohne Möglichkeit, den Sümpfen auszuweichen. Denkt man plötzlich, dass hier doch sicher kein Weg langführen könne, befindet man sich meist genau dort auf der richtigen Route.

 Unterwegs erwarten einem Sonne, Regen, Hagel, und, falls man vor Juli oder nach August unterwegs ist, eventuell auch Schnee. Auf jeden Fall aber ist man dem Wind ausgesetzt, viel und teilweise starkem Wind, welcher einem zwar die Mücken vom Hals hält, dafür jedoch schnell auch zur Feuerprobe für die Robustheit des Zelts werden kann. Mit Sicherheit wird man Tiere antreffen, seien es die zahlreichen Vögel im Fjäll und die Rentiere, welche hier oben den Sommer verbringen, oder mit etwas Glück Amphibien oder grössere Säugetiere wie Elche, Bären, Wölfe, Luchse oder Vielfrasse. Oder aber, so wie ich, Moschusochsen.

Die Infrastruktur am Weg ist zwar insgesamt relativ gut ausgebaut, ein Zelt sollte man aber dennoch unbedingt dabeihaben. Dadurch ist man extrem flexibel, was die Tagesdistanzen angeht. Übernachtungen ausschliesslich in Hütten sind zwar wohl theoretisch möglich, ohne allzu viele Kilometer dazwischen zurücklegen zu müssen, aber in den zahlreichen vorhandenen Rasthütten, welche mit Tisch, breiten Bänken und Feuerofen ausgestattet sind, darf man eigentlich ­­­­- ausser in Notfällen – nicht übernachten. Ich habs dennoch einmal getan, weil ich in jener Situation einfach den Schutz und die Wärme einer Hütte gebraucht hatte, es schon später Abend war und das Wetter sehr schlecht. Und ich weiss, dass von diesem Schutz auch zahlreiche andere Wanderer Gebrauch machen… Ansonsten gibt es unterwegs offene Wanderhütten mit Pritschen zum Übernachten zu günstigen Preisen, Berghütten des STF, die grossen Fjällstationen im nördlichen Teil des Södra Kungsleden sowie einige private Unterkünfte oder Campingplätze. Neue Verpflegung kann man alle paar Tage kaufen, falls man bereit ist, mal wenige Kilometer vom Wanderweg abzuweichen und zum nächsten Supermarkt zu laufen, so wie in Grövelsjön und Fjällnäs. Ich war 20 Tage unterwegs, wovon aber ein Tag für den Kauf des neuen Rucksacks draufgegangen ist und ich drei Pausentage eingelegt habe. Also war ich 16 Tage am wandern mit einem Tagesschnitt von gemütlichen 22 Kilometern.

Ein wenig Wander-Erfahrung ist auf jeden Fall von Vorteil, wenn man diesen Weg alleine bewerkstelligen möchte. Die Ausschilderung ist teilweise nicht (mehr) vollständig vorhanden und es muss auf jeden Fall eine Karte mitgenommen werden. Entgegen meiner Erwartung hatte ich fast durchgehend Handy-Empfang, auch in den sehr abgelegenen Gebieten. Mit den Mücken bin ich mithilfe von etwas Insektenspray und einer sorgfältigen Wahl der Pausen- und Übernachtungsplätze (so hoch oben und windausgesetzt wie möglich) sehr gut klargekommen.

So herausfordernd der Weg auch ist, und man sich mit nassen Füssen, schlechtem oder extrem schnell umschlagendem Wetter, Mücken oder unwegsamem Gelände abrackern muss: Die Schönheit der Natur in diesem Teil Schwedens ist schlichtweg atemberaubend und entschädigt unterm Strich für jegliche Strapazen. Würde ich den Südlichen Kungsleden nochmals laufen? Na klar, ohne eine Sekunde zu zögern!

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