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Tage 31 – 40 / Storlien – Storlien

Drei Tage nach meiner Ankunft in Storlien breche ich auf in Richtung Norwegen. Ich habe lange hin und her überlegt, wie es nun mit meiner Tour weitergehen könnte. Wie ich bereits angesprochen habe, enden in diesen Breitengraden die schwedischen markierten Wanderwege. Wer hier weiterhin auf schwedischer Seite laufen möchte, muss gezwungenermassen eine eigene Route ausarbeiten, welche für einige 100 Kilometer aus Strassen, Wirtschaftswegen und Wald besteht.

Möchte man zum jetzigen Zeitpunkt von schwedischer Seite hingegen nach Norwegen einreisen, unterliegt man nach wie vor einer zehntägigen Quarantäne-Pflicht. Entgegen meiner bisherigen Annahme bedeutet dies jedoch nicht, dass man während dieser Zeit an einem Ort verbleiben muss. Vielmehr wird verlangt, sich nicht zur Arbeit oder in die Schule zu begeben, keine ÖV zu benutzen und genügend Abstand zu anderen Personen zu wahren. Supermarkt- oder Apothekenbesuche wären hingegen explizit erlaubt. Mit anderen Worten kann ich diese Bedingungen in dem auf norwegischer Seite zu durchquerenden sehr einsamen und abgelegenen Blafjella-/Skjaekerfjella-Nationalpark perfekt einhalten – sei es im Zelt oder in den wenig besuchten Wanderhütten, in welchen man die Schlafräume zur Zeit ohnehin nur zur alleinigen Nutzung reservieren kann. Also auf nach Norwegen, meiner ursprünglich geplanten Route entlang.

Beim Supermarkt in Storlien fülle ich nochmal ausgiebig Essensvorräte auf und mache mich mit dem nun deutlich schwereren Rucksack am Mittag auf zum Hausberg von Storlien entlang dem Blomsterstiegen, einem markierten Rundweg, auf welchem man die einheimische Blumenwelt näher kennenlernen kann. Von dieser bekomme ich allerdings nicht allzu viel mit, denn pünktlich zu meinem Abmarsch beim Supermarkt setzen Dauerregen und Sturmböen ein. Nach wenigen Kilometern überschreite ich die Landesgrenze, vorbei am schwedischen Grenzstein und einigen verlassenen Ferienhäusern.

Blick nach Norwegen kurz vor der Grenze
Einer der Grenzsteine

Was mich nun erwartet, habe ich schlichtweg nicht kommen sehen: Das Fjäll steht komplett unter Wasser, und hier scheint gerade erst der Frühling eingetroffen zu sein. Da es in diesem Jahr extrem viel Schnee gegeben hat – was ich gewusst habe – liegen über den meisten zu überquerenden Bächen und Flüssen noch Schneebrücken, welche oftmals wenig vertrauenserweckend aussehen. Allerdings hätte ich eher nicht damit gerechnet, Ende Juli auch in tieferen Lagen noch so viel Schnee anzutreffen. Die Schneeschmelze ist noch voll im Gang, und jede Ebene und jede Senke ist mit Wasser gefüllt. Der Nachmittag gestaltet sich also mit waten, entweder durch überflutete Flächen oder auf dem meist einem Bach gleichenden „Weg“, sowie mit dem Suchen von geeigneten Furtstellen oder stabilen Schneebrücken. Ich komme aus diesem Grund langsam und nur unter grosser Anstrengung voran, und schaffe ungefähr lediglich 3 Kilometer pro Stunde. Wenigstens blitzt einmal kurz die Sonne hervor, was mir erneute Kraft und Motivation verleiht.

Erst nach 19 Uhr erreiche ich ­– nass bis auf die Haut – die von Storlien eigentlich gar nicht so weit entfernte Angeltjonn-Hütte. Ich bin unendlich froh, meine triefenden Kleider ausziehen und mich vor einen langsam warm werdenden Feuerofen setzen zu können. Ich habe die Hütte für mich alleine, und im abendlichen Kerzenschein auf der gemütlichen Couch fange ich an abzuwägen, wie die nächsten Tage wohl aussehen könnten. Wenn das Wetter nicht umgehend besser wird und die Ebenen ein wenig abtrocknen können, sehe ich schwarz für die Durchquerung des ohnehin sumpfigen Blafjella-/Skjaekerfjella-Nationalparks. Die Wetterprognose sieht aber für die nächsten drei Tagen noch stärkeren und vor allem dauerhaften Regen vor – na das kann ja heiter werden.

Der Weg führt über zahlreiche Schneebrücken und Schneefelder. Dieses Bild schiesse ich beim Abstieg zur Angeltjonnhütte – Ende Juli und auf gerade mal 700m.ü.M.

Der anstrengende Tag in nasser Bekleidung und bei kaltem Wind fordert seinen Tribut – ich bin erschöpft und der Körper reagiert mit Kratzen im Hals und einem leichten Schnupfen. Eine Erkältung kann ich aber jetzt (und unter den aktuellen Umständen schon gar nicht) gebrauchen, und so ruhe ich mich einen Tag in der Hütte aus, auch wenn ich gerade erst in Storlien eine Pause eingelegt habe. Auf dem Weg zur Ferslia-Hütte fühle ich mich aber immer noch nicht ganz erholt, und der sumpfige Weg und das oben im Fjäll stürmische Wetter setzen mir erneut zu. Immerhin ist heute die Wegführung einfacher und es gilt wenigstens keine heiklen Gewässer zu durchqueren. Im Tal angekommen, ist es beinahe mild und der Himmel zeigt hin und wieder blaue Flecken.

Ein Ausläufer des Fjergen – der See, an welchem die Angeltjonnhütte liegt – ist bis unter die Brücke mit Hochwasser gefüllt.
Rückblick zu einem der Gebirgszüge, welche die beiden Hütten voneinander trennen
Letzter Abstieg zur Ferslia-Hütte

In der Ferslia-Hütte verbleibe ich erneut für zwei Tage; einerseits um mich vollständig zu erholen und andererseits, um das Ende des für Freitag und Samstag angekündigten Regens abzuwarten. Am Wochenende soll es dann den Prognosen zufolge etwas trockener werden. Nach wie vor bin ich am abwägen, wie die vor mir liegende Wegführung wohl aussehen könnte. Zur Auswahl habe ich drei Möglichkeiten: Entweder laufe ich wie geplant zwei Tage bis nach Vera, wo der offizielle Wanderweg endet, und von dort weglos durch den Nationalpark. Oder ich bleibe auf den markierten Wanderwegen und umgehe den weglosen Abschnitt, was jedoch einige Zusatzkilometer mit sich bringen würde. Die dritte und überhaupt nicht bevorzugte Möglichkeit wäre schliesslich, ganz nach Westen auszuweichen und der Fernverkehrsstrasse E6 in Richtung Norden zu folgen.

Ferslia-Hütte

Am Sonntag aber treffe ich eine Bauch-Entscheidung, welche sich im Nachhinein als goldrichtig herausstellt. Ich werde in den nächsten Tagen nach Hause zurückkehren. Aber wie kams dazu?

Bereits seit dem Ende des Kungsleden in Storlien habe ich gemerkt, dass ich innere Wiederstände gegen das Weiterlaufen verspüre. Ich habe das dumpfe Gefühl, etwas „abgeschlossen“ zu haben, und dass alles Weitere irgendwie dazu improvisiert wäre. Klar habe ich mich darauf gefreut, endlich auf norwegischer Seite laufen zu können, was ja eigentlich die Grundidee dieser Tour gewesen war. Aber dennoch, das Warten auf eine Änderung der Einreisebedingungen, die unklare Routenführung, der mentale Kampf mit dem Wetter und das Abschätzen, welches Risiko welche Wegführung mit sich bringen würde, all dies kostet stetig Energie; Energie, welche der Körper schlussendlich zum Laufen brauchen würde. Hinzu kommt nicht zuletzt die Pflicht, die norwegischen DNT-Hütten jeweils im Voraus buchen (was mir irgendwie die auf einer weiteren Fernwanderung für mich unabdingbare Freiheit nimmt, spontan unterwegs zu sein und von Tag zu Tag zu entscheiden) und aufgrund der Einzelbuchungen der Schlafräume das zwei- bis Dreifache des eigentlichen Übernachtungspreises bezahlen zu müssen. Vielleicht aber ist es auch ein wenig so, dass mir für diese «Tour ins Ungewisse» ohnehin ein wenig die Grundmotivation und das Durchbeissen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, fehlt. Mein Traum wäre ja gewesen, Norge pa langs zu laufen, einmal der Länge nach durch ganz Norwegen. Nun war dies nicht möglich in diesem Sommer, und ich habe aus der Situation einfach das Beste gemacht und kurzfristig eine Alternativroute ausgearbeitet – welche aber eben die zweite Wahl war und auch blieb.

Der Gedanke hingegen, in mein Zuhause zurückzukehren, welcher mir seit dem Aufbruch von Storlien bereits zwei- oder dreimal durch den Kopf geschossen ist, verursacht auf einmal ein warmes Gefühl. Die Sehnsucht, doch noch ein wenig Sommer mit meinen liebsten Menschen verbringen zu können, steigt mir an diesem Sonntag, dem 26. Juli, als ich von der Ferslia-Hütte aufbreche und anstatt hoch ins Fjäll in Richtung Bellingsstua und Vera wie ferngesteuert von der vorgesehenen Tagesroute abweiche und eine Rundwanderung mache, um danach wieder ins Tal abzusteigen, schliesslich hoch bis zum Hals.

Auf dem Weg nach Meraker

Und in diesem Augenblick weiss ich: Es ist richtig, nach sechs wunderbaren, abenteuerlichen Wochen in mein Zuhause zurückzukehren. Ich bin von dort glücklicherweise nicht in einem überarbeiteten Zustand oder gar mit dem Gefühl abgereist, dringend aus irgendetwas „rauszumüssen“. Vielmehr war ich im Zeitpunkt meines Aufbruchs physisch und psychisch erholt und habe vor der Reise bereits zuhause einige wunderschöne und entspannte Wochen verbracht. Dies hat mir den Abschied denn auch besonders schwer gemacht und verstärkt den Wunsch nach einer Rückkehr.

Ich laufe also, als ich nach meiner Rundwanderung wieder in der Nähe der Ferslia-Hütte bin, der Strasse entlang in Richtung Meraker, dem nächstgelegenen Ort, welcher sich im selben Tal wie Storlien, aber auf norwegischer Seite befindet. Noch am selben Abend komme ich mithilfe eines Taxis im STF Storliens Fjällgard, der Wander-Herberge, in welcher ich bereits vor einigen Tagen übernachtet hatte, an, wo ich für eine Nacht bleibe. Mein Zug nach Göteborg fährt erst am Abend des nächsten Tages, und so gönne ich mir an meinem zweitletzten Tag in Schweden zwei schöne Kurzwanderungen in der Umgebung von Storlien. Eine davon ist der Blomsterstiegen, welchem ich bereits bei meinem Aufbruch nach Norwegen gefolgt bin. Diesmal erkenne ich sogar die einheimischen Blumen und habe eine wunderbare Fernsicht in alle Richtungen.

Nach einem ausgiebigen aus Pizza und Bier bestehenden Abendessen fahre ich mit dem Nachtzug nach Göteborg, von wo ich nach einer längeren Stadtwanderung am nächsten Abend mit der Fähre nach Deutschland und schliesslich mit der Bahn in die Schweiz zurückreise.

Auf der südlichen Seite von Storlien mit Blick auf den gegenüberliegenden Blomsterstiegen
Auf dem Blomsterstiegen
Aussicht in Richtung Norwegen
Mit meinem in Schweden gekauften neuen Reisebegleiter war ich von Anfang an sehr zufrieden

Auf der Rückfahrt lasse ich die letzten Wochen nochmals Revue passieren und denke zufrieden an die vielen verschiedenen Erlebnisse dieser Zeit. „Norge pa langs“ sollte nicht sein in diesem Sommer, womit ich mir einen meiner langgehegten Träume (vorerst) nicht erfüllen konnte. Trotzdem war es richtig, entgegen allen Widerständen aufzubrechen und loszulaufen. Ich würde es genauso wieder tun, wenn ich mich nochmals entscheiden müsste. Ich kenne nun einen kleinen Teil von Südschweden und einige dort langführende lokale Wanderwege, habe den Südlichen Kungsleden bewältigt und war kurz – wenn auch bei widrigen Verhältnissen – im norwegischen Fjäll. Ich habe Wildtiere gesehen, von deren Begegnung ich bisher nicht zu träumen gewagt hatte. Und nicht zuletzt durfte ich Menschen begegnen, deren Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft mich in Staunen versetzt hatten.

Auf einen schönen, restlichen Sommer!

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