26. und 27. Juli 2018
Anreise
Inmitten dichter, lauter und unruhiger Menschenmassen freue ich mich unbändig auf die kommenden Wochen und die lang ersehnte Ruhe, welche ich mir von der geplanten Tour durch das nördliche Skandinavien erhoffe. In meinen Wanderschuhen, nur mit dem Allernötigsten ausgestattet, lasse ich die letzten Eindrücke dieser glitzernden Flughafen-Scheinwelt auf mich wirken und komme mir ein wenig fehl am Platz vor. Keine Handtasche und auch kein Smartphone begleiten mich; alles was ich in den nächsten 4 Wochen zum Leben benötige, ist im Rucksack verstaut und umfasst nicht mehr als 45 Liter Volumen.
Nach einem kurzen Flug heisst mich Norwegen mit dem schönsten Sonnenuntergang über den glänzenden Schären von Oslo willkommen. Die Nacht im Thon-Flughafenhotel ist ruhig und erholsam, beim Frühstück jedoch zwischen all den drängelnden Leuten bestätigt sich erneut die Richtigkeit meines Plans, für einige Zeit der hektischen Gesellschaft, in welcher zunehmend immer alles schnell und noch schneller gehen muss, zu entrinnen. Dennoch ärgere ich mich darüber, dass ich, weil ich mich geweigert habe, dem Hotelpersonal meine Kreditkartendaten bekannt zu geben, ein Depot von 1000 norwegischen Kronen an der Rezeption habe hinterlassen müssen, angeblich als Absicherung gegen von mir verursachte Schäden im Hotelzimmer. Kontrolliert hat solche Schäden bei meinem Check-Out und vor der Abholung des Depotbetrags allerdings niemand. Schöne, neue, sichere Welt… Den Flug am nächsten Morgen verpasse ich, da die Elektronik beim Self-Baggage-Check-in nicht funktioniert, und dies, obwohl ich meinen Rucksack bereits gestern bis nach Alta eingecheckt hatte – ich bin ja in Oslo nur auf der Durchreise. Der freundliche SAS-Mitarbeiter am Check-in organisiert mir aber kurzerhand einen anderen Flug noch am gleichen Tag, 5 Stunden später. Allerdings bedeutet dies, dass ich nicht wie geplant um ca. 21 Uhr in Kautokeino ankommen werde, um mir dann in Ruhe einen Zeltplatz irgendwo beim Anfangspunkt der Nordkalottruta zu suchen, sondern dass ich erst den 23Uhr-Bus erwischen werde. Dieser kommt erst um 1.20 Uhr in Kautokeino an. Immerhin kann ich die Zeit in Oslo nutzen, um mir im DNT-Geschäft (der DNT ist der norwegische Wanderverein) beim Hauptbahnhof den Schlüssel für die unbewarteten DNT-Wanderhütten auszuleihen. Den hätte ich mir sonst im Intersport in Alta besorgen müssen.
Um 23 Uhr steht die feuerrote Sonne in Alta am Flughafen immer noch knapp über den Horizont, um dann während der nächsten Stunde langsam zu verschwinden. Die Busfahrt wird mir durch die Gesellschaft von zwei holländischen bzw. iranischen Wanderern verkürzt. Fasziniert lassen wir die in ein rosa Licht getauchte Landschaft an uns vorbeiziehen. In Kautokeino machen sich die Jungs auf zu ihrer Campinghütte, und ich steige beim Thon Hotel aus, laufe mit der Karte in der Hand los – und verpasse prompt den Einstieg in die Nordkalottruta. Da ich mich jedoch aufgrund meiner Müdigkeit (es ist mittlerweile 2.00 Uhr) nicht mehr richtig auf die Karte konzentrieren kann, stelle ich mein Zelt am Ortsrand inmitten von Heidekraut und gefühlten 1000 Moskitos auf und versuche, obwohl es immer noch taghell ist, einzuschlafen.

Tag 1: Kautokeino – Cunovuohppi, 15km
Aller Anfang ist schwer – oder: Erstens kommt es anders
Wegen der gnadenlos brennenden Sonne wache ich bereits um 7.00 Uhr völlig übernächtigt auf. Aufgrund der sich im Zelt stauenden Hitze ist an Schlaf allerdings nicht mehr zu denken. Obwohl es draussen ein wenig windet, kann ich mein Zelt auch nicht durchlüften, Wanderregel Nr. 1 hier im Norden lautet in den von Moskitos verseuchten Gebieten nämlich: Öffne niemals das Moskitonetz deines Zelts! Falls du dies doch einmal tun musst (man muss ja irgendwie in sein Zelt ein- und aussteigen), dann tue dies blitzschnell, aber nicht ZU schnell, gerade so schnell, dass du mit den Gegenständen, welche du in Windeseile durch die eigentliche viel zu kleine Reisverschlussöffnung zerrst, deinen Zelteingang nicht beschädigst. Die Moskitos und die kleinen schwarzen Stechfliegen (Knott genannt) sind wirklich ein Graus, und die einzige Möglichkeit, diesen aggressiven Biestern zu entkommen, ist, möglichst immer in Bewegung zu bleiben (hilft nur bedingt) oder sich so sehr wie möglich starkem Wind auszusetzen (hilft ziemlich gut, sofern solcher vorhanden ist).

Auf jeden Fall stehe ich an diesem Morgen aus eben erläuterten Gründen sehr früh auf und beschliesse aufgrund meiner bleiernen Müdigkeit und den mir im Kopf herumgeisternden zahlreichen negativen Berichten über den ersten Abschnitt der Nordkalottruta, die ersten paar Kilometer der Strasse zu folgen, anstatt mich auf dem Weg durch den Sumpf mit nassen Füssen und Insekten herumzuplagen. So spule ich die monotone Strecke herunter. Während des Gehens macht sich ein altbekanntes Brennen bemerkbar, und ich befürchte, den Beginn einer Blasenentzündung zu verspüren. Verzweifelt versuche ich, dem mit literweise getrunkenem Wasser entgegenzuwirken. Am Mittag erreiche ich Cunovuopphi und stelle mein Zelt inmitten eines kleinen Birkenwäldchen an einem halbschattigen Platz auf, gleich bei der Stelle, wo die Nordkalottruta die Strasse kreuzt. In der Hoffnung, etwas Kühles zu trinken zu erhalten und im besten Fall sogar einen Tee gegen meine Entzündung, mache ich mich auf zu Madame Bongos Fjellstue. Dort finde ich allerdings anstatt einer schattigen Terrasse und netter Gesellschaft einen heruntergekommenen, verlassenen Ort mit kaum mehr unterhaltenen Hütten vor. Überall hängen verbleichte Zettel mit Telefonnummern und Anweisungen für die Benutzung der Einrichtungen. Da ich auf dem Einen «Sanitaer open» erkennen kann, mache ich mich auf, in der entsprechend beschilderten Hütte meine Wasserflaschen aufzufüllen. Spontan beschliesse ich, kurz zu duschen. Ich ignoriere den komplett verdreckten Duschraum und lege nach der Erfrischung 60 NOK auf die Waschmaschine. Den Rest des Tages verbringe ich im Zelt, an einen Aufenthalt ausserhalb ist aufgrund der Mücken nicht zu denken.
Tag 2: Cunovuopphi – Raisjavri, 30 km
Auf Irrwegen im Sumpf
Am Morgen breche ich rechtzeitig auf, folge kurz der Strasse und biege nach wenigen Minuten nach links in die Nordkalottruta ein. Über Hügel mit wunderbaren Ausblicken und ständigem Auf und Ab komme ich zügig voran. Die von vielen Wanderern gefürchteten Sümpfe sind grösstenteils fast vollständig ausgetrocknet. Das für Tiere und Pflanzen so schwierige trockene Wetter in diesem Sommer erweist sich also für mich als Glücksfall. Bei schönstem Sonnenschein verschafft mir ein ständiger Wind die nötige Abkühlung. An Pausen ist allerdings nur auf den Anhöhen zu denken, in den Ebenen treiben mich die Mücken ständig voran. Auf einem Hügel treffe ich am Nachmittag auf Johannes und Matthias aus Deutschland, welche in dieselbe Richtung laufen wie ich. Nach einem kurzen Gespräch gehe ich weiter, und wenige Kilometer vor der als Tagesziel angepeilten Raisjavrihütte komme ich vom Weg ab, weil ich für längere Zeit blindlings und ohne weiter auf die Wegmarkierungen zu achten, einer Quad-Spur folge. Dies bemerke ich jedoch viel zu spät, und an ein Umkehren ist nicht zu denken, zu lange bin ich dieser Spur bereits gefolgt. Der «Weg» führt zunehmend durch seenähnliche Landschaften, und ich kämpfe mich weiter durch den immer tiefer werdenden Sumpf. Ich folge einem Rentierzaun, welcher bis zum in weiter Ferne bereits erkennbaren Raisjavri-See zu reichen scheint. Da ich mich jedoch immer häufiger durch dichtes Gestrüpp schlagen muss, bin ich mir aufgrund der zunehmenden Erschöpfung auf einmal überhaupt nicht mehr sicher, den immer noch weit weg liegenden See so wirklich erreichen zu können. Was nun? Die Sonne steht schon ziemlich tief, ich bin bereits seit vielen Stunden unterwegs und habe mittlerweile fast unerträgliche Schmerzen in der Blase. Ich setze mich hin und denke kurz nach, biege darauf kurzerhand nach rechts ab und steuere auf einen nahe gelegenen Hügel zu, um mir einen Überblick über die Gegend zu verschaffen – die richtige Entscheidung, wie sich gleich herausstellt. Nach einem vermeintlich letzten Kampf durch sperrige Sträucher erreiche ich den Hügel und erkenne nach einem Blick auf die Karte aufgrund einer Stromleitung und ein paar Seen sofort, dass ich ungefähr einen Kilometer parallel zur Nordkalottruta, jedoch praktisch in die richtige Richtung gegangen bin. Wo ich den Wanderweg verlassen habe, erschliesst sich mir allerdings auch nach intensivem Nachdenken nicht. Nun denn, ich kann mich wieder orientieren und stehe nach kurzer Zeit wieder auf dem markierten Pfad, welcher kurz darauf unter der Stromleitung hindurchführt. Ich komme zu meinen Ärger noch einmal vom Weg ab und folge schliesslich einfach der Stromleitung in Richtung Raisjavrihütte. Die Markierungen auf diesem Abschnitt sind häufig verblasst oder überwachsen. Neben der verschlossenen Hütte schlage ich schliesslich völlig erschöpft mein Zelt auf. Im Laufe des Abends wird mir bewusst, dass ich mit dieser Entzündung nicht weiterwandern kann, und nach kurzem Ringen mit mir selbst beschliesse ich, am nächsten Morgen nach Kautokeino zurückzukehren, welches der am nächsten gelegene Ort ist, um mich auszukurieren.

Tage 3 bis 5: Reisavannhütte – Kautokeino
Am Ende meiner Kräfte und zwei Ruhetage
Am nächsten Tag breche ich nach einer fast schlaflosen Nacht auf und kämpfe mich zur einige Kilometer entfernten Strasse. Dort erhoffe ich mir Handy-Empfang oder eine Mitfahrgelegenheit nach Kautokeino. Endlich auf der Strasse angekommen, folgt die grosse Enttäuschung: Kein Netz auf dem Telefon, kein Auto in Sicht. Ich befinde mich auf einer Strasse ins Nirgendwo, und zahlreiche von Schüssen durchlöcherte Strassenschilder zeugen von der Verlassenheit dieser einzig von wenigen Sami bewohnten Gegend. So bleibt mir nichts anderes übrig, als mich der Strasse entlang zu quälen, bis nach einigen Kilometern unverhofft ein Auto mit einem Sami am Steuer auftaucht. Vor Erleichterung springe ich dem verblüfften Mann beinahe vor die Kühlerhaube, und ich werde freundlicherweise bis vors Thon-Hotel in Kautokeino chauffiert. Die im Kofferraum liegenden Schusswaffen ignoriere ich – der Mann ist ja schliesslich Rentierzüchter, wie er mir in gebrochenem Englisch zu erklären versucht.
Während den kommenden Tagen bleibe ich fast ausnahmslos im Bett, pflege mich gesund und versuche, der anfänglichen Enttäuschung über diese unfreiwillige Planänderung Herr zu werden. Kurz erwäge ich, mich nach zwei Tagen mit dem Taxi wieder in die Nähe der Reisavann-Hütte bringen zu lassen und meine Wanderung dort fortzusetzen, wo ich die Nordkalottruta verlassen habe. Allerdings wäre ich dann in meinem Zeitplan drei Tage zu spät, und würde Sulitjelma wohl nicht rechtzeitig vor meinem Rückflug erreichen. Also beschliesse ich, zwei Tagesetappen auszulassen und in Bintu nahe der Saraelv-Hütte wieder auf die Nordkalottruta einzusteigen. Zwar verpasse ich so das schöne Reisadalen, allerdings soll dieses auch ziemlich sumpfig, teilweise urwaldähnlich überwachsen und um diese Jahreszeit voller Mücken sein, was mich zumindest ein wenig darüber hinwegtröstet.
Tag 6: Kautokeino-Alta-Storslett-Saraelv-Fjell, 15km
Wiedereinstieg auf die Nordkalottruta
Am Morgen früh um 4.00 Uhr nehme ich den Bus nach Alta, wo ich über vier Stunden auf den Bus nach Storslett warten muss. Nach einem guten Frühstück im Hotel Scandic geht’s mit dem Bus nach Storslett. Ein Taxi bringt mich für den stolzen Preis von NOK 1’000.- nach Saraelv, und ich unterhalte mich angeregt mit dem jungen Taxifahrer, der mir berichtet, dass im Reisadalen kürzlich Bären gesichtet wurden. Am liebsten hätte er mich auf meiner Wanderung ein Stück begleitet – er ist selbst auch naturbegeistert und immer wieder in der Wildnis unterwegs. Den Markierungen der Nordkalottruta folgend nehme ich den steilen Aufstieg in Angriff, vorbei am Sarafossen, einem schönen Wasserfall, hinauf ins Fjell. Sicherheitshalber mache ich mich, solange der Weg durch den Wald führt, vor jeder Kurve durch Pfeifen bemerkbar – einer Bärenfamilie mit Jungen möchte ich nicht unbedingt plötzlich gegenüberstehen. Nach einigen hundert Höhenmeter wird die Landschaft baumlos und karg. Die Mücken sind dort oben zwar nicht vollständig verschwunden, trotzdem finde ich nach wenigen Stunden einen windigen Platz zum Zelten, wo es zumindest möglich ist, mein Zelt aufzustellen, ohne gleich bei lebendigem Leib gefressen zu werden. In der Nähe hat noch jemand anderes sein Lager aufgeschlagen, und an diesem Abend bin ich froh, nicht ganz allein in der Wildnis übernachten zu müssen und zumindest ein anderes Zelt zu sehen. Den Bewohner treffe ich allerdings nicht an – ich wahre einen gewissen Abstand und gehe früh schlafen.

Tag 7: Bis zur Somashütte, 15km
Spontaner Feierabend am Mittag
Nach einer langen und erholsamen Nacht gehe ich bei nieseligem Wetter los, durchwandere schöne und karge Fjell-Landschaften über viele Steine und an zahlreichen Seen vorbei. Der Regen ist gerade so schwach, dass er mich nicht durchnässt. Kurz vor der norwegischen Somashütte treffe ich auf einen Wanderer, welcher ganz Norwegen der Länge nach von Süden nach Norden durchläuft und in zwei Wochen am Nordkapp sein will. Er fragt mich nach einem Weg vom Reisadalen direkt nach Norden. Ich kann ihm nicht wirklich weiterhelfen, und nachdem ich ihm alles Gute gewünscht habe, eilt er auch schon davon. Ich plane, bei der Hütte Mittagspause zu machen und treffe dort auf Johannes, Matthias und Stefan aus Deutschland. Erstere habe ich schon am zweiten Wandertag kurz auf einem Hügel während meiner Mittagspause angetroffen.

Nach dem Mittagessen und einem gemütlichen Zusammensein entscheide ich mich aufgrund des zunehmend schlechten Wetters, den Rest des Tages in dieser angenehmen Gesellschaft und im Trockenen und Warmen zu verbringen. Dies entpuppt sich als eine gute Entscheidung, bis die frühe Nachtruhe am späteren Abend durch das Eintreffen einer norwegischen Familie gestört wird. Nachdem die Hütte mit Essens-Bratgeruch (die kleine Schlafkammer besitzt leider keine Türe) und durch das ständige Offenlassen der Türe mit tausenden von Moskitos gefüllt worden und die Temperatur in dem kleinen Raum durch erneutes Feuermachen auf gefühlte 30° gestiegen ist, ist an Schlaf nicht mehr zu denken. Nach vergeblichen Einschlafversuchen verlasse ich die Hütte schliesslich um 2 Uhr nachts und stelle draussen in der Kühle der Nacht mein Zelt auf. So kann ich mich doch noch einige Stunden erholen.

Tag 8: Somashütte – Pitsusjärvihütte, 13 km
Hüttenzauber wie aus dem Bilderbuch
Über viele Blockfelder und in windausgesetzen Tälern geht die Wanderung am nächsten Tag weiter. Einige einfache Flussdurchquerungen, viele schöne Ausblicke und einige Rentiere in einem Flussbett machen den Weg interessant. Vorbei an einer weiteren kleinen Hütte überschreite ich unterwegs die Grenze zu Finnland. Bereits am Mittag treffe ich bei der Pitsusjärvihütte ein, wo ich wieder auf meine drei Wander-Freunde aus Deutschland treffe. Da die Hütte wunderschön gelegen ist und mich meine Füsse schmerzen, beschliesse ich, auch heute bereits nach einem halben Tag laufen Feierabend zu machen. Stefan bleibt den ganzen Nachmittag im Zelt, während ich und die anderen Beiden bis am Abend in der gemütlichen Hütte und auf der Terrasse sitzen. Gegen Abend kommt die Sonne hervor, erwärmt die (mückenfreie!) Terrasse, und auf dem See schwimmt eine Entenfamilie vorbei: Idyllischer hätte dieser Ort nicht sein können. Zwar treffen nach und nach Halti-besteigungswütige Finnen ein, welche alle darauf erpicht sind, einmal in ihrem Leben den höchsten Berg Finnlands zu besteigen. Diese richten sich jedoch alle im kostenpflichtigen geschlossenen Teil der Hütte oder in ihren Zelten ein. Wir amüsieren uns darüber, dass der offene Teil an einem Samstagabend bei einigermassen gutem Wetter tatsächlich leer bleibt. Johannes und Matthias können sich also auf sage und schreibe 10 Betten verteilen, während sich im reservierungspflichtigen Teil der Hütte nebenan 9 Personen den praktisch gleich grossen Schlag teilen müssen. Ich bevorzuge aufgrund der gestrigen Erfahrung eine Nacht im Zelt. Liest man die Empfehlungen in Reiseführer oder Wanderberichten, ist es schwer bis unmöglich, im Sommer in den Hütten rund um den Halti einen kostenfreien Schlafplatz zu bekommen. Wir hatten also ein Riesenglück, auch dass die Stimmung trotz den vielen Wanderern so ruhig blieb und wir die Terrasse für uns alleine hatten.




Tag 9: Pitsusjärvihütte – Kilpisjärvi, ca. 40 km
Die Zivilisation ruft
Nach gemütlichem und ausgedehntem Kaffeetrinken in der Hütte verabschiede ich mich etwas schweren Herzens von meinen neuen Freunden und mache mich auf in Richtung Kilpisjärvi. Die Aussicht, bereits am Abend nach Hause telefonieren zu können (ich war nun mehrere Tage ohne Handy-Empfang) und wieder einmal etwas Anderes als getrocknete Wandernahrung zu essen, ist sehr verlockend, und so beschliesse ich, am heutigen Tag via Meekonjärvi, Kuonjarjohka und Saarijärvi, drei Wanderhütten, direkt bis nach Kilpisjärvi zu laufen. Der Weg ist sehr abwechslungsreich und wunderschön.

Durch ein wildes Hochtal mit einem breiten Fluss geht’s zur spektakulär gelegenen Meekonjärvihütte. Auf dem nächsten Abschnitt, welcher dem ersten landschaftlich in nichts nachsteht, treffe ich sie endlich an: Eine riesige, über viele Kilometer verteilte Rentierherde. Ich geniesse die stetige Begleitung der zierlichen und eleganten Tiere durch die einsame Fjell-Landschaft.
Je näher ich Kilpisjärvi komme, desto mehr Wanderer kommen mir entgegen. Gegen 19 Uhr erreiche ich schliesslich die durch Kilpisjärvi führende Hauptstrasse, checke im Hotel Kilpis ein und bin froh, wieder in der Zivilisation zu sein. Zwar ist der Zimmerpreis mit 108 Euro pro Nacht eher teuer, zumindest für die alten und kleinen Zimmer. Dafür lässt mich die nette Rezeptionistin umsonst telefonieren, hätte extra für mich die Sauna aufgeheizt (dafür bin ich jedoch viel zu müde) und gibt mir sogar ein Tablet mit aufs Zimmer zum freien Gebrauch, damit ich im Internet surfen kann. Meine Kleider kann ich nach der Handwäsche im Trockenraum aufhängen. Nach einem ausgiebigen Abendessen im Hotelrestaurant (auch eher teuer, dafür schmeckt es hervorragend und ist frisch gekocht) und zwei Gläsern Wein sinke ich todmüde ins weiche Bett und schlafe auf der Stelle ein.




Tag 10: Kilpisjärvi – Pältsastugan, ca. 18 km
Eine schwedische Riesenhütte für mich alleine

Gut ausgeschlafen und rundum zufrieden mit meiner Hotelwahl, lasse ich den Tag gemütlich angehen, frühstücke erst spät, surfe noch ein wenig im Internet und checke dann um 12 Uhr aus. Nach einem Lebensmitteleinkauf im Supermarkt gegenüber dem Hotel auf der anderen Strassenseite gehe ich die 5km von Kilpis Süd zum nördlichen Ortsteil der Strasse entlang und nehme das 14 Uhr-Boot über den See bis kurz vors Dreiländereck Trerikroset (fährt in der Sommerzeit immer um 10h, 14h und 18h [Achtung: Die finnische Zeit geht eine Stunde vor] und kostet 20 Euro). Bei der völlig übervölkerten Bootsanlegestelle biegt der Weg links ab und führt durch einen schönen Birkenwald hoch hinauf ins Fjell in Richtung Pälstastugan, eine schwedische bewartete Hütte des schwedischen Wanderverbandes STF. Die Beschilderung besteht hier aus roten Kreuzen (Wintermarkierung) und weiter oben aus Steinmännchen. Mit dieser Route kürzt man ca. 14 km der Nordkalottruta ab, dessen offizielle Markierung um den See herum und am Dreiländereck vorbeiführen würde, welches ich durch meine Bootsfahrt ausgelassen habe. Auf der von mir gewählten Route trifft man ca. 3 km nach der Bootsanlegestelle, sobald man sich wieder oben im Fjell befindet, wieder auf die Nordkalottruta. Ich befinde mich nun zum ersten Mal in Schweden. Der Aufstieg ins Fjell ist landschaftlich wunderschön und geht mir aufgrund der erholsamen Nacht und des halben Ruhetags in Kilpisjärvi leicht von der Hand. Ich laufe bis zur Pältsastugan, wo ich mir ein Bett für 40 Euro gönne, was für eine Wanderhütte eher teuer ist. Dafür ist die Hütte blitzsauber und mit allem ausgerüstet – sogar Händewaschen kann man dank eines kreativen Kopfes, welcher neben den Toilettenhäuschen einen Wasserkübel und eine Blechbüchse mit einem Loch im Boden aufgestellt hat! Ich habe die ganze riesige Hütte für mich, von einem älteren Paar, welches ich nach meiner Ankunft kurz angetroffen habe, sehe und höre ich den ganzen Abend nichts mehr. Ich mache Feuer, koche leckeren Linseneintopf und schreibe noch kurz Tagebuch. Etwas einsam, jedoch wiederum zufrieden mit mir und der Welt lege ich mich in dem bequemen und sauberen Kajüttenbett schlafen.


Tag 11: Pältsastugan – Daertahütte, 36 km
Ein langer, windiger Tag und viele Höhenmeter
Am nächsten Morgen spreche ich noch kurz mit der netten Hüttenwartin, welche seit wenigen Tagen in der Hütte ist und noch vier Wochen bleiben wird. Ihr Alltag gestaltet sich dahingehend, dass sie abwechslungsweise je einen Tag verschiedene Arbeiten bei der Hütte verrichtet und einen Tag wandern geht. Der Weg bis zur Rostahütte, d.h. die ersten 17 km meiner heutigen Route, führt mich über grasbewachsene Hochebenen und ist sehr angenehm zu gehen. Allerdings pfeift mir den ganzen Tag ein eisiger Wind um die Ohren, so dass ich meine Handschuhe anziehen muss. Das Heulen des Windes ist teilweise so laut, dass er oft sogar das nervige «fieep» der einem über lange Wegstrecken begleitenden Goldregenpfeifer übertönt. Dieses Pfeifen stellt, wie mir später erklärt wird, ein Ablenkungsmanöver dar, um den Eindringling (also den Wanderer) von den sich auf dem Boden befindenden Nestern mit Eiern und Jungtieren wegzulocken. Dafür werde ich – wie auch am kommenden Tag – wiederum von Rentieren begleitet. Nicht weit von der Pältsa-Hütte überschreite ich die Grenze von Schweden zurück nach Norwegen. Die Aussicht ins Rostadalen kurz vor der Rosta-Hütte mit dem reissenden Fluss und dem Likka-Gletscher im Hintergrund ist atemberaubend. Nach einer kurzen Pause bei der wohl fast vollbesetzten Hütte geht’s lange bergan, auf der Anhöhe vorbei an einigen Seen, und schliesslich über ein letztes langes Blockfeld über eine Kuppe hinunter ins Daerta-Tal zur Hütte. Vor dem Abstieg beobachte ich zwei Raubvögel, die hoch über meinem Kopf schreiend ihre Runden drehen. Unten angekommen, mache ich es mir in der Älteren der beiden Hütten gemütlich. Nun machen sich die vielen Kilometer und geleisteten Höhenmeter bemerkbar, und die einzige aktive Handlung an diesem Abend ist ein kurzer Besuch in der neueren Daerta-Hütte, wo ich auf Martin aus der Schweiz, eine Finnin und einen Holländer treffe.




Tag 12: Daertahütte – Dividalen, ca. 25 km
Falscher Weg und perfektes Wanderwetter
Nach fast 11 Stunden Tiefschlaf, die mein Körper nach dem gestrigen Tag offenbar gebraucht hat, laufe ich erst kurz vor Mittag los und erwische prompt den falschen Pfad. Anstatt zuerst für ungefähr einen Kilometer in der gestrigen Laufrichtung bis zum nahe gelegenen Njärgajavri zu gehen und dort den Fluss zu überqueren, folge ich dem Daerta-Tal auf der rechten Flussseite. Da dieser Weg jedoch zu einer anderen Hütte führt, und gleich wie die Nordkalottruta markiert ist, bemerke ich dies erst, als ich nach einigen Kilometern auf eine riesige im Sommer wohl verlassene Sami-Siedlung treffe, welche ich aber auf der direkten Wegstrecke zur Dividal-Hütte auf der Karte nicht finden kann. Der eingeschlagene Weg führt jedoch, wie mir ein Blick auf die Karte verrät, ebenfalls in die Nähe der Dividalshütte, nämlich zur Anjavasshütte, welche wiederum an der Nordkalottruta liegt. Also nehme ich den kleinen Umweg auf mich, und ich sollte dies auch nicht bereuen: Die Strecke ist wieder einmal ein Juwel von einem Wanderweg, einfach zu gehen (abgesehen von zwei bis drei sumpfigen Abschnitten) und das Wetter spielt perfekt mit – strahlender Sonnenschein mit einem kleinen Lüftchen. Ich geniessen den Nachmittag in vollen Zügen, lege mehrere Pausen ein und steige schliesslich gegen Abend steil ins Dividalen nach Frihetsli, einem kleinen Weiler, ab. Ich bin mir nicht sicher, ob ich den auf der Karte eingezeichnete Weg tatsächlich erwischt habe. Den Waldwegen immer gen Tal folgend, gelange ich schliesslich über einen Zaun und eine Schafweide, auf welcher mir die Schafe laut blökend nachlaufen, auf die geteerte Strasse im Tal. Dort gibt es mehrere offene Hütten des Statskog, einem norwegischen staatlichen Forst- und Immobilien-Betrieb. Obwohl ich bei der ersten (Ventebu) am liebsten schon mein Zelt aufgeschlagen hätte, nehme ich noch einige Kilometer unter die Füsse und folge der Schotterstrasse dem Tal entlang. Bald verwandelt sich diese in einen schönen Wanderweg, welcher durch beeindruckende Kiefernwälder führt – eine Wohltat für meine müden Füsse. Der Pfad führt mal weiter und mal näher dem reissenden Fluss entlang und bietet faszinierende Ausblicke in wilde Schluchten. Bei einer Nothütte kurz vor der Anjavasshütte schlage ich mein Zelt auf, nehme ein kurzes Erfrischungsbad im Fluss und ziehe mich darauf ins Zelt zurück.

Tag 13: Dividalen – Vuomahütte, 15km
Zum ersten Mal nicht alleine wandern
Durch das landschaftlich wunderschöne Dividalen laufe ich bis zur Hängebrücke über den Divielva, den Fluss, welchem ich gestern lange gefolgt war, wo der Weg wieder auf die Nordkalottruta trifft und gegen Westen ins Anjavass-Tal abbiegt. Dort stosse ich wieder auf Martin, den ich bereits in der Daertahütte getroffen habe und der von der Didivalshütte ebenfalls bis zur Vuomahütte läuft. Froh, wieder einmal mit jemandem wandern zu können, schliesse ich mich ihm an.

Im Anjavassdalen folgt der Weg lange dem Fluss und führt durch einige Birkenwälder. Irgendwann fängt es an zu regnen, und die Strecke dem langgezogenen Berg entlang entpuppt sich als weiter als anfänglich angenommen. Nach einem kurzen Anstieg auf den hinteren Bergrücken und einem letzten schönen Blick auf die Flussebene im Tal folgt ein letzter, flacher Kilometer, bis hinter einem kleinen Hügel unvermittelt die grosse und moderne DNT-Hütte Vuoma auftaucht. Wir sind froh, die nassen Sachen aufhängen und eine warme Mahlzeit geniessen zu können. Den Rest des Tages verbringen wir gemütlich in der Hütte mit Schweizern, Deutschen und Finnen.

Tag 14: Vuomahütte – Gaskashütte, 17 km
Ein traumhafter Wandertag
Bei schönsten Wanderwetter laufen wir am Morgen fast alle zeitgleich bei der Hütte los. Durch ein langgezogenes Tal an unzähligen Seen vorbei führt der Weg durch weiches Gras und über wenig Steine und ist sehr angenehm zu gehen. Die langgezogenen Blockfelder auf der Passhöhe bzw. bis dorthin fallen mir heute kaum auf; die Gegend ist wunderschön und es tut gut, sich beim Laufen wieder einmal unterhalten zu können.

Nach der Anhöhe ist nur noch ein Abstieg von etwas über einer Stunde zu bewältigen, und nach einem kurzen Wegstück durch einen lichten Birkenwald stehen wir schon vor den schön gelegenen Gaskashütten. Hier gibt es überraschend Handyempfang, und ein Blick auf die Wetterprognose für die nächsten zwei Tage bringen meinen Plan, bis übermorgen Abend nach Abisko zu laufen, ins Wanken. Zudem ist mir in den letzten Tagen klargeworden, dass ich, wenn ich ab jetzt nicht ausnahmslos jeden Tag mehr als 30km pro Tag laufe, nicht wie geplant in 12 Tagen in Sulitjelma eintreffen kann. Ich werde mir also eine Alternative zur offiziellen Nordkalottruta überlegen müssen. Für Sonntag ist Regen angesagt, und der nächste Abschnitt über die Lappjordhütte sei bei Nässe und schlechten Wetter eher nicht zu empfehlen – so meine Mitwanderer. Da ich ausserdem froh bin, so früh wie möglich wieder einkaufen und Wäsche waschen zu können, beschliesse ich, gemeinsam mit drei Schweizern am nächsten Tag über die Altevasshütte mit dem Taxi und Bus nach Narvik zu fahren. Damit entscheide ich mich definitiv dagegen, über Abisko dem nördlichen Kungsleden (und auf diesem Abschnitt ebenfalls Nordkalottleden) in Richtung Süden folgen. Wie ich später erfahre, wurde genau zu diesem Zeitpunkt, in welchem ich mich auf diesem Abschnitt befunden hätte, das «Fjällräven-Classics» durchgeführt, bei welchem rund 2000 Teilnehmer auf dem Kungsleden einerArt «Massenwanderung» von Nikkaluokta nach Abisko absolvieren. Ich bin im Nachhinein froh, nicht in dieses Gewusel hineingeraten zu sein. Also bleiben wir in den Gaskashütten und geniessen nach einem erfrischenden Bad im Fluss den gemütlichen Abend. Bei Tee, Kaffee und heisser Schokolade schwatzen wir noch bis tief in die Nacht hinein.
Tag 15: Gaskashütte – Altevasshütte, 12km
Nasse Birkenwälder und eine rasante Fahrt nach Narvik
Am morgen gehen wir zu viert los, da wir nur einen kurzen Wanderabschnitt, eine Taxifahrt von Altevass nach Setermoen und von dort um kurz vor 19 Uhr eine Busfahrt nach Narvik geplant haben. In Setermoen schlagen wir die Zeit mit Pizza- und Burger-Essen tot. Endlich in Narvik angenommen, steigen wir in ein so katastrophal veraltetes Hotel (Hotel Narvik) ab, welches verstaubt und dunkel ist und wo wir entgegen den Angaben im Internet auch nicht Wäsche waschen können. Nach den ersten Schock lassen wir es uns in einem gemütlichen Restaurant bei Bier und leckerem Essen gut gehen. Am nächsten Morgen wechseln wir ins nahe gelegene moderne Scandic-Hotel.
Tag 16: Ruhetag in Narvik
Nichtstun ist Gold Wert
Nach Wäschewaschen und sonstigen Erledigungen gehen wir Pizza essen und später in einem urgemütlichen Pub mit spontaner Live-Musik einige Bierchen trinken. So lässt es sich von den Wander-Strapazen erholen!

Tag 17: Narvik-Björnfjell (Bus), Bjornfjell – Hunddalenhütte, 23km
Planänderung und mehr Kilometer als geplant
Ich habe gestern beschlossen, heute mit Martin mit dem Zug zum nördlichen Ende des Narvik-Fjells zu fahren und dieses von Norden nach Süden zu durchqueren. Dort stehen einem einige sehr schöne DNT-Hütten zur Verfügung, womit sich das vorausgesagte eher schlechte Wetter aushalten lässt. Martin will nach einigen Tagen nach Narvik zurückfahren, während ich unterhalb des Nuorjjovärri wieder auf die Nordkalottruta stossen werde. So spare ich mir den Bogen über den Kungsleden. Nach einem Einkauf im Supermarkt am Morgen fahren wir mit dem Bus bis Bjornfjell, wo wir 13km dem Rallervegen bis nach Katterat folgen. Dies ist ein schöner, gut ausgebauter Wanderweg, der immer in der Nähe der Bahngeleise vorbei an unzähligen Fjell-Ferienhäusern verläuft und teilweise unter Stromleitungen hindurch und an vielen alten Militärbunkern vorbeiführt. Trotz der stetigen Zeichen der Zivilisation ist der Weg schön zu gehen und aufgrund der vielen Informationstafeln über den Eisenerz-Abbau und die baulichen Überreste des zweiten Weltkrieges überaus interessant und abwechslungsreich. Bei einer kurzen Pause können wir den Flug eines Weisskopf-Seeadlers beobachten.

Der zweite Abschnitt von Katteratt in die Hunddalenhütte besteht aus einem eintönigen Fahrweg dem Sordalen entlang hinauf ins Hunddalen. Das Wetter verschlechtert sich ein wenig, und wir sind froh, dass wir am späteren Nachmittag unser Tagesziel erreichen und unsere Kleider trocknen können. Nach einem wärmenden Kaffee und Tee geniessen wir Fleisch, Nüsse und einige Bier, welche wir zur Hütte hochgetragen und auf die wir uns bereits den ganzen Tag gefreut haben. Wenig später füllt sich die kleine Hütte flugs mit fünf schottischen Wanderern, und wir gehen relativ früh schlafen.

Tag 18: Hunddalenhütte – Lossihütte, 22km
Hochgebirgswanderung

Am nächsten Morgen sind die umliegenden Berggipfel frisch verschneit. Bei ziemlich unbeständigem Wetter verlassen wir die Hütte früh und wandern das landschaftlich hinreissende Hunddalen entlang bis fast unterhalb des Sealgga-Gletschers auf dem Storsteinfjellet, wo der Weg rechts am Storsteinfjellet entlangführt. In diesem Abschnitt wird die Landschaft unvermittelt alpin, was sich in den zunehmend sichtbaren Schneefeldern an den Berghängen, dem gräulichen Gletscherwasser und den aufgrund des lange liegenbleibenden Schnees moosfreien Geröllfeldern äussert. Am Ende des Tals vor dem Leivatnet führt der Weg, welcher wenn überhaupt mittlerweile nur noch durch rote Punkte auf Felsblöcken gekennzeichnet ist, durch wilder Geröllhalden steil links hinauf zum Rienat-Pass.


Nach einer kurzen Gletschertraverse und einem Abschnitt auf sehr losen und noch nicht festgesetzten Geröllbrocken folgt ein längerer, steiniger Abschnitt ins wunderschöne Rienat-Tal. Der sich durch die Talebene schlängelnden in der Sonne glänzende Fluss, die steil aufragenden spitzen Berge und die im Tal grasenden Rentiere bilden einen würdigen Abschluss dieser schönen und abwechslungsreichen Wanderung. In der Lossihütte teilen wir die kleine, aber gemütliche Nothütte – die grössere Hütte ist von einer Familie besetzt – mit einem Norweger und einer Amerikanerin und geniessen die unterhaltsamen Gespräche.

Tag 19: Lossihütte – Caihnavaggihütte, 17km
Wunderschönes Caihnavaggi

Bei freundlichem Wetter steigen wir von der Hütte ab ins Skearrogieddi, einem Tal, in welchem der Weg für einige Kilometer der Zufahrtsstrasse zum Kraftwerk folgt. Beim Stausee wendet sich der Wanderweg nach rechts bis kurz vor dem Fluss. Anstatt der Ausschilderung zur flussabwärts gelegenen Brücke zu folgen, queren wir den Fluss auf derselben Höhe, was aufgrund des tiefen Wasserstands ohne Weiteres (und mit nur einem nassen Fuss) möglich ist. Auf der linken Flussseite laufen wir nun in Richtung Smallerie-Pass rechterhand um den Caihnavarri herum. Umrundet man diesen Berg linkerhand, steht einem ein als blau klassifizierter Wanderweg (10km vom Kraftwerk) zur Verfügung. Froh, die etwas schwierigere Variante gewählt zu haben, befinden wir uns bald inmitten wilder und rauer Gerölllandschaften auf der Passebene, wo wir über riesige Steinrücken ein paar Bergseen passieren. Die Umgebung ist beeindruckend, selbst für fels- und eis-gewohnte Schweizer. Aufgrund der vergleichsweise vielen zu bewältigenden Höhenmetern (vom Tal bis zum Pass ca. 600hm) sind wir länger als erwartet unterwegs. Von der Passhöhe steigen wir nach einer kurzen, letzten Pause ins Caihnavaggi ab, wo die Hütte glücklicherweise immer noch warm von den vormaligen Besuchern ist. Die untergehende Sonne am Abend taucht die Wolken in ein rot- und orangenes Licht, und als vor dem Panorama-Fenster der Hütte friedlich grasend eine grosse Rentier-Herde verbeizieht, bestätigt sich für mich erneut, was mir seit einiger Zeit immer wieder durch den Kopf geht: Wandern macht glücklich. Solche Augenblicke entschädigen zudem für jegliche Strapazen einer Tour.


Tag 20: Caihnavaggi – Gautelishütte, 12km
Länger als gedacht
Am späten Morgen starten wir zum wolkenverhangenen Pass Caihnajavrrit und laufen über zahlreiche Geröllfelder. Nach einer kurzen Pause entscheiden wir, wegen Müdigkeit und zunehmend schlechtem Wetter nur bis zur Gautelishütte zu gehen. Seit langem den Gautelisvatnet vor Augen, zieht sich der Weg über mehrere Felsplanken trotz der eigentlich kurzen Kilometerzahl doch noch in die Länge. Am tiefen Wasserstand des Sees sind die Folgen der diesjährigen Trockenheit deutlich erkennbar. Ausser einem Norweger, welchen wir bereits in der Hunddalhytta und auch im Caihnavaggi getroffen haben, haben wir die Hütte für uns alleine. Nachdem ich meine möglichen Routen durchdacht habe, entscheide ich mich, nicht wie ursprünglich geplant den Bogen über die ausgeschilderte Nordkalott-Route über die Sitas- und Pauro-Hütte zu machen, sondern über die Hukejaurestugan und die schwedische Sitas-Hütte direkt nach Ritsem zu laufen, um von dort das Schiff über den Akka-See zu nehmen.

Tag 21: Gautelishütte-Hukejaurestugan
Regen, Wind und einige schöne Begegnungen
Am späten Morgen laufe ich – diesmal wieder alleine – in einem regenfreien Moment los. Die Strecke ist beim heutigen schlechten Wetter ohne Aussicht ziemlich eintönig, und Wind und Regen peitschen mir mit voller Kraft ins Gesicht. Innert Kürze bin ich bis auf die Haut durchnässt. Die Steine sind glitschig und ich muss bei jedem Schritt aufpassen, dass ich nicht ausrutsche. Langsam machen sich auch die anstrengenden letzten Tage bemerkbar, und ich werde mir bewusst, dass ich nun dringend wieder einmal eine Pause bräuchte. Nun denn, der Plan steht fest, innert wenigen Tagen nach Sulitjelma zu laufen, und ich versuche, zumindest mein Gesicht ein wenig vor dem zwischenzeitlich waagrechten Regen zu schützen und das nervige Schmatzen meiner mit Wasser vollgesogenen Schuhe zu ignorieren. Der Weg gleicht je länger je mehr einem Fluss, und ich freue mich darauf, aus den Schuhen zu steigen und meine Socken über einem Feuer trocknen zu können. Schon komme ich am schwedischen Grenzstein vorbei, und treffe kurz darauf auf Marloes aus Holland, welche von Roros bis zum Nordkapp läuft.

Nach einem netten kurzen Austausch über unsere Routen und die von uns besuchten beziehungsweise noch zu besuchenden Hütten trennen sich unserer Wege auch schon wieder. Unglaublich, wie solche Begegnungen einem den Tag versüssen können, wenn man diesem sonst nicht viel abgewinnen kann. Den steinigen, aber sonst flachen Rest des Weges kann ich im Trockenen laufen, und bald beziehe ich als Erste die Hukejaure-Hütte. Kurz nach mir treffen Micha und Christian aus Deutschland ein, ansonsten bleibt die Hütte leer. Abgesehen davon, dass ich nach meiner Ankunft noch den Feueralarm auslöse, als ich im falschen Teil des Ofens ein Feuer entfache und sich der Raum innert Kürze mit Rauch füllt, passiert heute nicht mehr viel. Obwohl ich sehr müde bin, bin ich froh, ein wenig Gesellschaft zu haben, und nach einigen Tassen Tee und angenehmen Gesprächen lege ich mich schlafen.

Tag 22: Hukejaurestugan – Ritsem, 40km
Langer Weg, ungewohnter Luxus
Der schwedische Hüttenwart teilt uns am Morgen mit, dass das Wetter bis zum Mittag halten soll und am Nachmittag mit einigen Regenschauern zu rechnen sei. Ich breche deshalb rechtzeitig auf und bringe die erste Hälfte der für heute geplanten, sehr langen Wegstrecke bis nach Ritsem relativ zügig hinter mich. Ein leichtes Auf und Ab und insgesamt angenehme Wege erleichtern das Vorankommen.


Die letzten Kilometer vor der Sitasjaure sind grösstenteils mit Planken ausgelegt, welche mir zumindest teilweise das Einsinken in den schlammigen Quat-Spuren ersparen. Bei der Hütte angekommen, bin ich trotz des ausgiebigen Frühstücks völlig ausgehungert. Die als Wegzehrung vorgesehene Schokolade steht mir mittlerweile bis zum Hals, und ich frage den Hüttenwart, ob es möglich sei, bei ihm oder in der umliegenden Sami-Siedlung Verpflegung zu kaufen. Dies ist in vielen Sami-Siedlungen möglich und man erhält dort unter Umständen Rentierfleisch, geräucherten Fisch oder frisch gebackenes Fladenbrot. Der freundliche Mann verschwindet jedoch sogleich in der Hütte, kommt mit einer Kiste voller von Hüttenbesuchern übriggelassener Lebensmittel zurück und fordert mich auf, nach Herzenslust zuzugreifen. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen und verschlinge eine ganze Packung Knäckebrot mit einer Dose Butter und einem halben Glas Nutella. Sein am Anfang noch wütend kläffender Hund erweist sich als verspielter und freundlicher Zeitgenosse, und nach einigen Streicheleinheiten sowie einem kurzen Gespräch mit dem Hüttenwart gehe ich weiter und gelange gleich hinter der Hütte auf die Strasse nach Ritsem. Der Strassenrand ist mit Elch-Kot praktisch gepflastert und scheint von diesen imposanten Tieren als Toilette benutzt worden zu sein. Leider bekomme ich aber keines zu Gesicht, stelle mir aber vor, an wie vielen sich tagsüber im Gebüsch versteckenden Elchen ich wohl insgesamt schon vorbeigegangen sein muss, ohne diese zu bemerken.
Leider fährt an diesem Nachmittag kein einziges Auto vorbei, und so laufe ich die restlichen eintönigen 20 km und komme noch vor 18 Uhr und glücklicherweise immer noch trockenen Fusses in der Fjellstue in Ritsem an. Küche und Essbereich sind voller Leute, jeder sitzt für sich am Tisch hinter seinem Telefon versteckt; ich fühle mich sofort fehl am Platz und vermisse die familiäre Stimmung einer norwegischen DNT-Hütte. Nachdem ich mich im kleinen Shop mit neuen Lebensmitteln eingedeckt habe, esse ich in Gesellschaft eines freundlichen, schwedischen Studenten eine Pizza und trinke zwei Bier. Richtig satt fühle ich mich allerdings erst, nachdem ich noch eine halbe Tüte Chips mit Streichkäse und gehörig Schokolade hinterher gefuttert habe. Das Einzelzimmer mit Waschbecken, eine Etagendusche und die Waschmaschine bedeuten in diesem Moment purer Luxus für mich, und ich geniesse die mir zur Verfügung stehenden Einrichtungen.


Tag 23: Ritsem – Kisurisstugan, 16km
Eine Bootsfahrt, ein Sturm und viel Regen

Am nächsten Morgen nehme ich nach einem ausgiebigen und reichhaltigen Frühstück um 8.15 Uhr das Boot von Ritsem über den grossen Stausee Akkajaure. Bereits während der Überfahrt verspüre ich zu meinem Ärger schon wieder Hunger, obwohl ich heute Morgen gerade mal 800m von der Fjellstue zum Bootsanlegerplatz gelaufen bin, mich körperlich also noch gar nicht angestrengt habe. Kurz nach der Bootsanlegestelle am anderen Ufer steuere ich deshalb ein kleines Sami-Restaurant an, wo ich mir ein zweites Frühstück einverleibe. Der Weg zur Kisuris-Hütte, der erste Teil des Padjelantaleden (der Padjelanta ist ein bekannter schwedischer Nationalpark), führt durch eine landschaftlich wunderschöne Gegend und über die bisher grösste Hängebrücke meiner Tour, welche einem die Überquerung des imposanten Vuojatadno, ein reissender und breiter Fluss, ermöglicht.



Die feuchteren Wegstücke sind hier meist mit Holzplanken ausgelegt, die restlichen Wege gleichen einem Schlammbecken. Kurze Zeit nach meinem Aufbruch bei der Sami-Hütte setzt Regen ein, und ich bin froh, nach dem Mittag die Kisuris-Hütten zu erreichen. Ich will in der ersten der paar Hütten eigentlich nur kochen und meine Kleider trocknen. Nach kurzer Zeit haben sich jedoch Wind und Regen in einen Sturm verwandelt, und es schüttet wie aus Eimern. Die Wege um die Hütte herum liegen bereits komplett unter Wasser. Ich beschliesse widerwillig, die Nacht in der Hütte zu verbringen – eigentlich hätte ich heute noch einige Kilometer weitergehen und dann wieder einmal zelten wollen. Die mit einem Gasofen beheizte Hütte bekomme ich fast nicht warm. Dafür habe ich sie für mich alleine, während sich die anderen zahlreichen Wanderer in der grossen, einem Wanderheim ähnelnden Haupthütte drängen. Am Abend stelle ich erstaunt fest, dass mein für 3,5 Tage eingeplanter Essensvorrat bereits wieder auf ein Minimum geschrumpft ist und mich nur noch für maximal einen Tag versorgen wird. Ich habe innert 24 Stunden doch tatsächlich eine Pizza, eine grosse Tüte Chips, ca. 300g Vollkornbrot mit einer Tube Streichkäse, ein tellergrosses Sami-Brot (fingerdick mit Butter bestrichen und mit Käse belegt), zwei Sardinenbüchsen, eine Packung Trockenfleisch, ein Stück Schokoladenkuchen mit Schlagsahne und Konfitüre, 1,5 Tafeln Schokolade, ein Snickers, einen Müsliriegel und vier grosse Dosen Bier verschlungen! Ich kann dies selbst fast nicht glauben und wundere mich, was mit so viel Nahrung im Körper wohl geschieht – mein täglicher Kalorienverbrauch muss mittlerweile enorme und fast unkontrollierbare Ausmasse angenommen haben.

Tag 24: Kisurisstugan – Arasluokta, 37km
Padjelanta unter Wasser
Am nächsten Morgen werde ich vom Prasseln des Regens auf das Dach der Hütte geweckt und bin überhaupt nicht motiviert, die für heute geplante Tagesetappe auf mich zu nehmen. Als ich loslaufe, ist es jedoch trocken, dafür stehen sämtliche Wege unter Wasser und die meisten Planken sinken beim Drübergehen tief unter den Wasserspiegel. Die normalerweise kleinen Bäche sind wegen des starken Regens zu reissenden Flüssen angeschwollen, und das Furten erfordert einige Male hohe Konzentration und eine sorgfältige Wahl der Wat-Stelle.

Unterwegs schrecke ich ein laut gackerndes wildes Huhn auf, und sehe sogar endlich einen Lemming. Die atemberaubende Aussicht auf den Vastenjaure, ein riesiger See im Padjelanta-Nationalpark, gleicht einem Blick hinaus aufs Meer. Ich mache heute gut Kilometer und komme bereits vor 15 Uhr bei der Laddejakkstugan an, wo ich mich aufwärme und etwas koche. Zwei schwedische Herren beklagen sich bei mir über die Wegverhältnisse; sie hätten hier wohl durchwegs trockene Pfade und auf Steinen einfach zu überquerende Flüsse erwartet. Nun – dem Wetter lässt sich eben nicht reinreden. Bei der samischen Hüttenwartin kaufe ich noch Fladenbrot, doch leider hat sie nur noch drei Stück übrig. Bei Sonnenschein nehme ich die letzten 13km bis zur Arasluokta-Hütte über einen Pass in Angriff und komme dort aufgrund der matschigen und teilweise sehr rutschigen Wege erst um ca. 19 Uhr an. Die bereits warme Hütte teile ich mit einer netten Frau, welche mir zu meinem Glück, nachdem ich die drei gekauften Fladenbrote restlos vertilgt habe, noch ein paar Stücke Schokolade anbietet.




Tag 25: Arasluokta – Staddajahkastugan, 24km
Müde Beine und ein Königsadler
Am nächsten Morgen mache ich mich zuerst auf den Weg in die nahe gelegene Sami-Siedlung, um Fisch und Brot zu kaufen. In den dafür bezeichneten Hütten treffe ich jedoch niemanden an, und auch der Hüttenwart bleibt unauffindbar. Also breche ich auf zur 12km entfernten Staloluokta-Stugan, wo es einen von Sami betriebenen Kiosk mit einer grossen Auswahl an Lebensmitteln und Getränken gibt. Ich kaufe für die letzten zwei Tage meiner Tour ein und esse anschliessend in der riesigen, ungemütlich kalten Hütte zu Mittag. Nachdem mir eine ältere Frau eine Weile mitleidig beim Verschlingen von Keksen, Knäckebrot und Büchsensardinen zugesehen hat, bietet sie an, mir frische Kartoffeln auf den Weg mitzugeben; sie habe viel zu viele davon, und ich könne mich ja nicht ausschliesslich von «solchem» Essen ernähren! Freudig dankend nehme ich ihr Angebot gerne an.
Der kühle Essensraum und der Gedanke, mich am Abend in einer kleinen, warmen Hütte mit einem leckeren Kartoffeleintopf und einem am Kiosk gekauften Dosenbier zu verköstigen, lassen mich bald aufbrechen. Viele Padjelanta-Wanderer lassen sich aufgrund des nassen Wetters von hier mit dem Helikopter nach Ritsem oder Kvikkjokk ausfliegen; der Warteplatz um den Landebereich ist voller Menschen. Ich aber gehe zu Fuss weiter und spüre schon bald die quälende Müdigkeit im ganzen Körper aufgrund der letzten anstrengenden Tage. Dringend benötige ich einen Ruhetag und kann ihn mir doch aufgrund meiner bereits gebuchten baldigen Rückreise nicht geben. Nicht zum ersten Mal auf dieser Tour nehme ich mir vor, bei meiner nächsten Wanderung ein grösseres Zeitfenster vorzusehen, welches mehr Spielraum für Pausentage, Alternativrouten oder sonstige Planänderungen bietet.
Ich gönne mir heute mehr Pausen als üblich, und nicht weit vor der als Tagesziel angepeilten Staddajahka-Hütte begegne ich Alex aus Deutschland, welcher seit letztem Dezember zu Fuss von Spanien bis ans Nordkap unterwegs ist. Wir reden eine Weile, und von dieser netten Begegnung beflügelt vergeht die Zeit, bis ich bei der Hütte ankomme, wie im Flug. Dort beziehe ich eine der drei Hütten, lege mich, obwohl es erst 17 Uhr ist, ins Bett und schlafe sogleich ein. Später werde ich vom samischen Hüttenwart geweckt, welcher mir viel über die Umgebung, den Padjelanta-Nationalpark sowie die samische Kultur und Sprache erzählt. Am späten Abend klopft er nochmals kurz an, und wir können mit dem Feldstecher einen hoch über dem Jiegnaffo (dem hinter den Hütten liegenden Berg) kreisenden Königsadler beobachten.
Tag 26: Staddajahka – Sulitjelma, 30km
Ein würdiger Abschluss
Bei mildem und sonnigem Wetter breche ich frühmorgens auf und laufe über die 6km entfernte wunderschön gelegene Soriasjaurestugan in Richtung der norwegischen gleichnamigen Sorjus-Hütte. Beim Überschreiten der norwegischen Grenze herrscht strahlender Sonnenschein, und Schweden scheint mir damit ein Abschiedsgeschenk machen zu wollen. Beim in den Sorjus-See mündenden Fluss überlege ich, direkt unten beim See zu furten, entscheide mich aber aufgrund des hohen Wasserstandes, welcher die Folge des Starkregens der letzten Tage ist, den Umweg zur etwas weiter oben gelegenen Sommerbrücke auf mich zu nehmen.






Der Aufstieg von der Sorjus-Hütte ist steil und führt über zwei unproblematische Altschnee-Felder. Auf der Passhöhe angekommen, treffe ich auf Rüdiger aus Deutschland, welcher genau wie der andere Wanderer in Finnland Norwegen der Länge nach durchwandert. Wir unterhalten uns eine Weile, dann nehme ich den windigen Abstieg nach Ny-Sulitjelma, einer hoch über meinem Ziel-Ort gelegenen Wanderhütte, in Angriff. Die Aussicht auf verschiedene Seen ist wieder einmal spektakulär. Das letzte Wegstück hinunter ins Dorf nimmt mich ein freundlicher Norweger mit dem Auto mit. Beim örtlichen Supermarkt treffe ich nach vier Wochen endlich meinen Mann wieder, welcher extra nach Norwegen gereist ist, um mich im Ziel in Empfang zu nehmen und mit mir wieder heimzureisen. Im Supermarkt gehe ich erstmal einkaufen und stopfe mich noch vor Ort mit Chips, Cola und Süssigkeiten voll. Die Leute hier sind sich offenbar am Tisch des Zwischengangs sitzende und essende Wanderer gewohnt, und einer der lächelnd vorbeigehenden Norweger teilt uns mit, dass er sich schon lange überlege, hier in Sulitjelma eine Unterkunft für Wanderer zu eröffnen.

Hier endet also meine knapp vierwöchige Tour durch Norwegen, Finnland und Schweden. Ich bin froh, noch einen Tag Zeit zu haben, welchen ich mit meinem Mann in Bodø verbringen kann, und nicht sofort abreisen zu müssen. So kann ich mich langsam vom hohen Norden verabschieden, bevor ich wieder zurück in den Alltag fliege.