Ich habe mich entschieden, im Sommer 2020 einmal längs durch Norwegen zu wandern. Auf norwegisch wird die Tour «Norge på langs», also «Norwegen der Länge nach» genannt. Doch wie bin ich auf die Idee gekommen, einmal von Süden nach Norden durch Norwegen zu laufen?

Als ich im Sommer 2018 die Nordkalottruta gelaufen bin, wusste ich bald, dass ich nicht zum letzten Mal für längere Zeit zu Fuss unterwegs gewesen war. Nachdem ich für einige Zeit noch mit anderen Fernwanderwegen (unter anderem dem Pacific Crest Trail durch die USA) geliebäugelt hatte, habe ich mich entschieden, im Jahr 2020 erneut und diesmal für einige Monate nach Norwegen zu reisen.

Das Land bietet nebst wunderschönen Fjorden an der Küste auch einzigartige, einsame Fjell-Landschaften mit teilweise höheren vergletscherten Bergen. Im Fjell ist es möglich, tagelang weder Häuser noch Menschen anzutreffen. Gerade diese Menschenleere und die damit verbundene Stille, vor welcher sich vielleicht manch einer fürchten mag, üben auf mich eine ungemeine Anziehungskraft aus. Hinzu kommt, dass Norwegen eine artenreiche Tier- und Pflanzenwelt beheimatet und von unzähligen Flüssen und Seen geprägt wird. Meist ebenfalls recht angenehm zum Wandern ist die Temperatur, welche sich selten im Hitzebereich bewegt (ausser beispielsweise im Sommer 2018, in welchem ich über dem Polarkreis tatsächlich für wenige Tage bei ca. 30°C auf der Nordkalottruta unterwegs war). Ansonsten ist es aufgrund vom in den Bergen meist vorhandenen Wind oftmals eher kühl oder zumindest nicht so heiss wie in tieferen Regionen oder in Mitteleuropa.

In der Wildnis Skandinaviens unterwegs zu sein erfordert hingegen auch eine gewisse Flexibilität. Nicht zu beeinflussende Faktoren wie eine noch nicht genügend erfolgte Schneeschmelze, das oftmals schnell umschlagende Wetter, reissende Flüsse mit hohem Wasserstand und unerwartet noch nicht aufgebaute oder bereits abgebaute Sommerbrücken können einem zwingen, eine minutiös geplante Route zu ändern, einen spontanen Ruhetag einzulegen oder einem Fluss kilometerlang zu folgen, bis eine geeignete Wat-Stelle für die Überquerung des Flusses gefunden wird. Solche nicht vorhersehbaren Änderungen lehren einem jedes Mal aufs Neue, nicht zu sehr an den eigenen Vorstellungen und Plänen festzuhalten, sondern sich den angetroffenen Umständen anzupassen. Also nimmt man jeden Tag und jeden Routen-Abschnitt so, wie er sich gerade präsentiert, und macht das Beste aus den jeweiligen Situationen. Die Eigenschaft des Flexibel-Seins erhält somit eine neue Bedeutung und wird von alleine gestärkt.

Ich kenne Norwegen bereits von einem Ausland-Semester in Bergen, einer Schiffsreise mit den Hurtigruten und mehreren Wanderungen. Dennoch habe ich noch lange nicht alles gesehen, insbesondere ganz im Süden war ich noch nie. Nicht zuletzt deshalb freue ich mich darauf, einmal sämtliche Breitengrade kennenzulernen und noch mehr von diesem wunderschönen und vielfältigen Land zu entdecken.