Geposted am

Tage 10 – 13 / Sälen – Fulufjällets-Nationalpark

Am Samstag, 27. Juni 2020, fahre ich ein Stück in Richtung Norden. Die Reise dauert fünf Stunden mit Regionalzügen- und Bussen, und ich komme erst gegen Abend in Sälen an. In einer privaten Unterkunft am Ortsrand beziehe ich ein kleines, günstiges Studio, welches von Karin und Lars Örarbäck, einem freundlichen und hilfsbereiten älteren Ehepaar, vermietet wird. Auch dieses ist wieder wunderschön eingerichtet und top gepflegt – was für ein Glück hatte ich doch bisher mit meinen Übernachtungsorten…

Zum Studio gehört ein eigener Sitzplatz mit schöner Aussicht auf das gegenüberliegende Storfjället. Den Grill darf man mitbenutzen

Im Laufe des Abends klopft Lars an meine Türe und besteht darauf, mich am nächsten Morgen zum Startpunkt des Kungsledens zu fahren. Dieser liegt etwas von ihrem Haus entfernt und es wären noch einige Kilometer entlang der Strasse zu laufen – viel zu gefährlich, wie er findet. Mir hätte es nichts ausgemacht; die Aussicht, bereits am nächsten Tag im Fjäll zu stehen, beflügelt mich genug, um diese wenigen Strassenkilometer auf mich zu nehmen.

So fahren wir am nächsten Morgen los, und Lars zeigt mir unterwegs Teile des Wintersport-Orts Sälen, Skandinaviens grösstem Skigebiet. Die Landschaft ist komplett verbaut, mit riesigen Hotel-Bunkern verteilt auf unzählige Kilometer und mit teilweise 800 Zimmern, wie er mir erklärt. Ich bin sprachlos, meinem Gastgeber-Ehepaar machts offenbar nichts aus, sie sind glücklich in dieser Gegend und Lars zeigt mir stolz den Skilift, bei welchem er vor ungefähr 50 Jahren das Skifahren gelernt hatte.

Nachdem er mir noch das Verspechen abgenommen hat, ihn und seine Frau umgehend anzurufen, falls ich in meiner ersten Woche „in any trouble“ geraten würde, da er mich diesfalls sofort aus dem Fjäll rausholen würde, schreite ich durchs grosse Tor. Die ersten wenigen Kilometer des Kungsleden sind rollstuhlfreundlich betoniert und mit Schotter verbaut, schon bald aber gelange ich auf meine geliebten Bergwege, steinig, wurzelig und sumpfig. Ich fliege förmlich durch die Landschaft und habe am Mittag bereits 15km zurückgelegt.

In meiner Mittagspause werde ich von einem Schweden angesprochen, welcher im Fjäll seine private Hütte gestrichen hat und nun auf dem Weg ins Tal ist. In genau zwei Stunden ziehe hier ein gewaltiges Gewitter auf, teilt er mir mit, welches den ganzen Nachmittag andauern werde. Tatsächlich, im Westen bauen sich bereits bedrohliche Wolkentürme auf. Ich habe in der Wettervorhersage zwar gesehen, dass einige Wettermodelle ein Gewitter vorausgesagt haben; da es auf dem ersten Abschnitt des Kungsleden aber alle paar Kilometer Schutzhütten gibt und man zudem überall leicht ins Tal absteigen kann, habe ich mich heute morgen dennoch auf den Weg gemacht. Kurz erwäge ich, doch noch zur nächstgelegenen Schutzhütte zu laufen, welche nur 8km entfernt liegt. Weil ich aus Erfahrung aber weiss, wie wenig Verlass auf Apps und Zeitangaben ist, und ich auf keinen Fall in ein früher auftretendes Gewitter geraten möchte, entschliesse ich mich, ebenfalls ins Tal nach Tandådalen abzusteigen, dort zu übernachten und am nächsten Morgen wieder zum Kungsleden hochzusteigen.  

Kurz vor dem Gewitter beim Abstieg nach Tandådalen

Dies stellt sich als weise Entscheidung heraus, denn ein wenig vor 14 Uhr, als ich vor dem Joängets Fjällgard stehe, einer Art Camping-Gelände mit verschiedenen zu mietenden Hütten, öffnen sich die Schleusen des Himmels und es entlädt sich ein gewaltiges, den ganzen Nachmittag andauerndes Gewitter. Ich bin heilfroh, mich im Trockenen zu befinden, und verbringe den Rest des Tages mit einigen Bierchen und mit Tagebuchschreiben in der rustikalen und gemütlichen Gaststube. Die Preise in dieser touristischen Gegend sind sogar für Schweizer-Verhältnisse gepfeffert, und ein kleines Bier kostet 75 Kronen, also soviel wie in einer städtischen Bar in der Schweiz. Dafür schmeckt das von mir bestellte Pale Ale der lokalen „Sälens Fjällbryggeri“ hervorragend.

Durch das Gewitter hat sich die Luft um fast 15 Grad abgekühlt, und am nächsten Morgen laufe ich bei kühlem und angenehmem Wetter los. Das Fjäll ist schnell wieder erreicht, und für einige Zeit folge ich dem schnurgeraden Weg bis zur ersten Rasthütte, wo ich in schönem Sonnenschein mein Morgen-/Mittagessen einnehme und ein Schwätzchen mit einer Deutsch-Schwedin halte, die mit ihren Freunden einen Tagesausflug unternimmt.

Man merkt deutlich, dass es in dieser Gegend zahlreiche Einstiegsmöglichkeiten ins Fjäll und teilweise nahe gelegene Parkplätze gibt, immer wieder begegnen mir andere Wanderer oder Biker. Der Kungsleden führt mich heute wieder vom Fjäll hinunter durch ein Tal und auf der anderen Seite hoch, es sind also einige Höhenmeter zu bewältigen.

Mitte des Nachmittags liegen immer noch 14km vor mir, da ich heute gerne zur Björnholmstugan, einer unbewarteten Schutzhütte am Rande des Fulufjällets-Nationalparks, gelangen möchte. Der Himmel hat sich wieder zugezogen, und ich meine plötzlich, Donnergrollen zu hören. Besorgt schaue ich hoch – aber nein, es war wohl nur der Wind oder ein anderes Geräusch. Ich rufe mich zur Ordnung, denn bei aller gebotenen Vorsicht möchte ich auch nicht überängstlich werden. Alle Vorhersagen haben heute einheitlich kein Gewitter vorausgesagt – erst morgen Nachmittag könnte wieder eines aufziehen. Zudem pfeifen nach wie vor die Vögel, was ein sicheres Zeichen dafür ist, dass ein Gewitter zumindest nicht unmittelbar bevorsteht. Sind die Vögel jedoch auf einmal verstummt, sollte man wohl schleunigst Schutz suchen.

Letzte Pause am Nachmittag bei der Rasthütte Lilldalsstugan

Kurz bevor ich bei meinem Tagesziel ankomme, fängt es an zu regnen, aber nur kurz und auch nicht sehr stark. Die Hütte ist verlassen und ich bin heute der einzige Gast. In solchen einfach gehaltenen und rustikalen Hütten, welche der öffentlichen Verwaltung des Bezirks Dalarnas gehören, findet man einen Aufenthaltsraum und eine Küche mit Feuerherd sowie Holzpritschen zum Übernachten. Nach der Ankunft trägt man sich in ein Hüttenbuch ein, welchem man einen Einzahlungschein entnimmt. Den für die Übernachtung geschuldeten Betrag von 100 Kronen überweist man dann einfach zu einem späteren Zeitpunkt.

Ich wusste im Voraus ehrlich gesagt nicht, dass diese Hütte unbewartet ist, und habe mir erhofft, hier vom Hüttenwart einen aktuellen Wetterbericht für den morgigen Tag sowie eine Mahlzeit zu erhalten. In Schweden gibt es offenbar viele verschiedene Arten von Hütten, und der Wanderkarte lässt sich nicht immer genau entnehmen, um was für eine es sich handelt. Weiter schlimm ist dies aber nicht, mein Essensbeutel gibt noch was her und morgen werde ich rechtzeitig loslaufen, um auf jeden Fall zur nächstgelegenen Hütte zu gelangen. Ich freue mich auf den nächsten Abschnitt, in welchem mich der Weg auf 950m. ü. M., was für diese Gegend ziemlich hoch ist, und zu einigen schön gelegenen Berghütten führen wird.

Am nächsten Morgen jedoch sollte alles anders kommen. Gut ausgeschlafen packe ich meine Siebensachen, und gerade als ich meinen Kleider-Packsack als letzten Gegenstand im Rucksack verstauen will und dafür die Seitenwand meines Rucksacks hochziehe, höre ich ein lautes „Rrrrrratsch“ – und der Rucksack-Stoff reisst auf der rechten Seite entzwei. Die ersten paar Sekunden stehe ich wie versteinert da und starre auf einen fast 30 cm langen Riss. Einen Augenblick später realisiere ich, dass ich gerade einen meiner wichtigsten Ausrüstungsgegenstände ruiniert habe, und dies von Hand und ohne irgendwo einzuhaken oder mit einem scharfen Gegenstand in die Nähe des Rucksack-Gewebes gekommen zu sein. Vergeblich versuche ich, den Riss mit Duck-Tape, einem für die Reparatur von solchen Geweben verwendeten Klebeband, zu flicken. Das Tape hält nicht richtig, und ohnehin wäre eine Reparatur in diesem Ausmass nur behelfsmässig und vorübergehend. Mit diesem defekten Rucksack kann ich schlichtweg nicht wandern, der Riss würde noch grösser und ich würde unterwegs irgendwann einen Teil meiner Ausrüstung verlieren. Wie ist dies nur möglich? Dieser erst zweijährige Rucksack hat mir während ungefähr 700 gewanderten Kilometern treue Dienste geleistet, ist aber meines Erachtens noch viel zu wenig alt, um am Ende seiner Lebensdauer angekommen zu sein. Es muss sich entweder um einen Materialfehler handeln oder aber dieser teure, leichtgewichtige Rucksack ist, obwohl er vom Hersteller genau dafür angepriesen wird, nicht für derartige Belastungen gemacht. Ich kann es kaum fassen, meine Route nun schon wieder verlassen zu müssen. Missmutig packe ich fertig und versuche, den Rucksackinhalt mithilfe des Deckelfachs irgendwie so zu befestigen, dass ich unterwegs keine Fracht verliere. Dann laufe ich auf einer Schotterpiste zum nächstgelegenen Dorf, von wo aus ich mit dem Taxi zurück nach Sälen fahre. Dort erhoffe ich mir einen neuen Rucksack kaufen zu können.

In Sälen wende ich mich an Karin und Lars, bei welchen ich erneut übernachten darf. Beide lehnen es jedoch strikte ab, Geld für die Übernachtung anzunehmen, sie wollen mich aufgrund meines Pechs unbedingt einladen. Lars fährt mich zudem, nachdem ich auf ihrer Terrasse in den Genuss von Kaffee und selbstgebackenem Kuchen gekommen bin, zu einigen Sportgeschäften, wo ich schliesslich einen neuen, gut passenden und hoffentlich robusteren Rucksack finde. Zudem hilft er mir, meinen defekten Rucksack einzupacken und zur Poststelle im örtlichen Supermarkt ICA zu bringen. Ich schicke diesen in die Schweiz zurück, wo ihn mein Mann dem Hersteller zurückgeben wird. Im Supermarkt stocke ich auch gleich meine Essensvorräte auf. Auch heute besteht Lars darauf, mich morgen wieder mit dem Auto in die Nähe der Björnholmsstugan zu bringen, damit ich meine Route mit nur einem Tag Unterbruch am selben Ort fortsetzen kann. Ich habe ob so viel Hilfsbereitschaft fast ein schlechtes Gewissen, doch die beiden liebenswerten Gastgeber wollen weder von einer Bezahlung noch davon etwas wissen, dass ich meine Rückkehr zum Kungsleden selbst organisieren könnte. Es kommt mir irgendwie so vor, als widerfahre mir für jedes erlebte Pech im Anschluss das doppelte Glück… Vielen herzlichen Dank für eure riesengrosse Hilfe, Karin und Lars.

Jag är mycket tacksam för din hjälp och jag kommer aldrig att glömma din vilja att hjälpa, Karin och Lars. Jag kommer gärna tillbaka till din plats.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert