Tage 6 – 9 / Kloten – Smedjebacken
Vom Campingplatz in Kloten mache ich mich am Morgen in der bereits brütenden Sonne auf in Richtung Björsjö entlang des Smeleden, einen an den Berglagsleden angrenzenden Wanderweg. Auf einer Übersichtstafel beim Camping habe ich gesehen, dass es in Björsjö, einem Ort ungefähr 20km nördlich von Kloten, ein Hostel geben soll.

Kurz nach Kloten verlasse ich den Bezirk (auf Schwedisch „Län“) Örebro und überschreite die Grenze zum benachbarten Bezirk Dalarnas Län. Der Weg führt auch heute – wer hätte es gedacht – durch den Wald. Waldpfade, Waldwege, Waldstrassen… Abgesehen davon, dass ich einen riesigen laut gackernden Birkhahn aufschrecke, gibt es von diesem Tag gar nicht viel zu berichten. Nur mein Fuss macht mir das Vorankommen schwer – eine Blase hat sich am vorherigen Tag unbemerkt geöffnet und über Nacht eitrig entzündet.
Im kleinen Ort Björsjö angekommen, suche ich vergeblich nach der auf der Übersichtstafel eingezeichneten Unterkunft – diese sei schon seit Jahren geschlossen, wie mir ein Einwohner wenig später mitteilt. Na toll – weshalb stellt man dann solche Tafeln auf beziehungsweise entfernt sie nicht, wenn deren Inhalt schon lange nicht mehr aktuell ist? Zur 15 km entfernten nächsten Ortschaft Smedjebacken zu laufen, erscheint mir aufgrund des brennenden Fusses zu weit. Zelten möchte ich heute ebenfalls nicht – ich bin froh, wenn ich die Wunde sauber auswaschen und das Bein hochlegen kann. Also fahre ich per Anhalter nach Smedjebacken, wo ich im „Vandrarhem Smedjebacken“ für zwei Nächte einchecke. Dort bekomme ich freundlicherweise ein kostenloses Upgrade und darf ein 2-Zimmer-Apartement mit Küche und Dusche zum Preis eines Zimmers von 350 Kronen beziehen. Im selben Gebäude befindet sich eine Pizza- und Döner-Bude, und so gönne ich mir zum Abendessen das grösste Falafel, welches ich je gegessen habe. Geschmeckt hats so mittelmässig – man ist eben verwöhnt, wenn man einen Lieblings-Döner hat….
Zwei Tage später ist die Wunde am Fuss auf dem Weg zur Heilung, und ich mache mich weiter auf den Weg in Richtung Norden. Mein Tagesziel für heute ist mir noch unbekannt. Der Weg verläuft stets entlang von Waldstrassen und Feldwegen und führt durch unspektakuläre Wälder. Gerade als ich einen kleinen Weiler hinter mir lasse, höre ich, wie im Gebüsch eines kleinen Wäldchens laut knackend Äste brechen von einem schweren Körper. Ich frage mich, ob an die Rückseite des Wäldchens wohl eine Pferde-Weide grenzt – gerade eben bin ich noch an einigen Pferden vorbeigelaufen. Da sehe ich überraschend einen Elch im Dickicht verschwinden. Einziges Highlight nebst dieser Begegnung ist ein hölzernes Wegschild, welches mir ein Grinsen entlockt.

Mit der Beobachtung von grösseren Tieren hatte ich bisher grosses Glück – die ganz Kleinen jedoch machen mir nach wie vor das Wandern zur Hölle. Die Bremsen sind heute richtiggehend auf dem Kriegspfad, und insbesondere eine spezielle Art Riesen-Bremsen, die mir bereits in den letzten Tagen ständig mit lautem Brummen um den Kopf geflogen sind, verfolgen mich permanent. Dabei landen sie eher selten und können mich, ausser an Armen oder Beinen, aufgrund meiner beiden an Kopf und Hals getragenen Buffs glücklicherweise nicht ganz einfach stechen. Das nervige Geräusch und der geringe Abstand zum Gesicht, wenn sie kreisförmig um meinen Kopf schwirren, stellen mich hingegen vor eine nervliche Zerreissprobe. Und auch nach der Verwendung von Insektenspray verschwinden sie nicht – sie landen einfach nicht mehr, oder wenn doch, dann nur ganz kurz.

Gegen Abend laufe ich einer Waldstrasse entlang, als gleich mehrere Brummer um meinen Kopf kreisen. Nun treten diese Biester also schon in Schwärmen auf, denke ich mir, bis ich zufällig eines genauer erkenne und ziemlich erschrecke – es sind Wespen, welche es auf mich abgesehen haben. Panisch beginne ich zu laufen, obwohl ich weiss, dass ich ihnen niemals davonlaufen könnte. Ich überlege kurz, ein gerade vorbeifahrendes Auto anzuhalten und hineinzuspringen, aber dann würden die Wespen mithineinfliegen, da sie zu dicht bei meinem Kopf sind. Also laufe ich weiter, bis mir einfällt, dass ich meinen Insektenspray glücklicherweise im Deckelfach meines Rucksacks verstaut hatte. Beinahe während des Laufens krame ich den Spray hervor und sprühe wild um mich, und – die Wespen sind verschwunden.
So, nun habe ich definitiv genug von den schwülheissen beengenden Wäldern mit ihrer unersättlichen Insektenbrut. Mir macht das Laufen so keinen Spass, und abgesehen von dem einen Tag nach der Übernachtung bei der Familie in Stora habe ich jeweils einfach nur jeden Tag die Kilometer gezählt, die ich schon hinter mich gebracht hatte. Zudem bleibt es in den nächsten Tagen ebenfalls noch über 30 Grad, was in den windstillen Ebenen zum wandern schier unerträglich ist. Nicht zuletzt kommt hinzu, dass man im Wald einfach nie sieht, wo man sich gerade befindet: Keine Aussicht, kein bereits erkennbares Tagesziel, kein Blick auf einen bereits zurückgelegten Abschnitt. Einzig die Karte und die müden Beine verraten einem, was für eine Wegstrecke man bereits hinter sich gebracht hat. Somit beschliesse ich in einer plötzlichen Eingebung und von einer Sekunde zur anderen, irgendwohin ein wenig weiter nördlich in die Berge zu fahren und von dort weiterzulaufen. Einen bestimmten Weg gehe ich ja sowieso nicht, und meine ursprünglich geplante Route durch den gesamten Staat Norwegen ist ohnehin schon geplatzt. Nun soll mir meine Ersatztour wenigstens richtig Freude bereiten.
Also kehre ich nach Smedjebacken zurück und miete mich in einer Herberge ganz nah neben dem bereits besuchten Vadrarhem ein – in Letzterem hatte die Rezeption bei meiner Ankunft bereits geschlossen. In der Herberge „Hattkalles Vandrarhem“ bekomme ich für ungefähr Fr. 20.- / Nacht ein wunderschön eingerichtetes und liebevoll renoviertes Einzelzimmer – mit frischer Bettwäsche, Ventilator und blitzsauberer Gemeinschaftsküche- und Bad. Hier fehlt es an nichts, und die gesamte Unterkunft ist so eingerichtet, wie ich mir eine WG-Wohnung wünschen würde, wenn ich in einer solchen leben würde – hell, freundlich, nordisch eingerichtet und gut organisiert.
Am nächsten Tag mache ich mir einen neuen Plan, und nachdem ich meine Karten und das Internet durchforscht habe, steht mein Entschluss fest: Ich werde ungefähr 200km in den Norden nach Sälen, einer grossen Ortschaft unterhalb des südlichsten Fjälls Schwedens, fahren und dort meine Tour sozusagen neu starten, oder meinetwegen fortsetzen, wie mans betrachten will. Sälen gehört ebenfalls zum Bezirk Dalarnas, in welchem ich mich momentan hier in Smedjebacken befinde, und liegt noch knapp im südlichsten Drittel Schwedens. Bis dorthin wäre ich zu Fuss ungefähr noch zwei Wochen unterwegs; mir graut jedoch bereits bei dem Gedanken, noch einen einzelnen Tag durch die Wälder wandern zu müssen. Es ist ja nicht so, dass diese Wanderwege per se nicht zu empfehlen wären – es hat durchaus reizvolle Abschnitte gegeben, und ich bin an manch schönem Rastplatz mit tollen Bademöglichkeiten vorbeigekommen. Auch die Tierwelt in den Wäldern Skandinaviens ist sehr beeindruckend. Jedoch würde ich diese Wege unbedingt für eine Frühlings- oder Herbsttour empfehlen, erstens aufgrund der Insekten und zweitens wegen der Hitze.
Mein neuer Plan bringt mich also in höhere Lagen direkt zum Fuss der Berge, und von da werde ich für 350km dem „Södra Kungsleden“, dem südlichen Kungsleden, folgen, einem ausgeschilderten schwedischen Fernwanderweg durchs Fjäll, welcher nah entlang der norwegischen Grenze verläuft, in Sälen beginnt und in Storlien, einem kleinen Grenzort in der Höhe des norwegischen Trondheims, endet. Dort angekommen, werde ich mich erkundigen, ob ein Wechsel nach Norwegen bereits möglich ist. Doch bis dahin wird es noch eine Weile dauern…