Tage 1 – 5 / Örebro – Kloten
Am Morgen des 18. Juni 2020 starte ich in Örebro beim Hotel Scandic, wo ich die letzte Nacht verbracht habe, meine Reise zum Nordkap. Ich mache den ersten Schritt von nachfolgenden vielen Tausenden und muss grinsen – irgendwie fühlt es sich seltsam an, eine Wanderung zu beginnen mit dem Gedanken, sie erst in einigen Monaten zu beenden. Und doch beginnt bekanntlich jeder Weg, sei er noch so weit, mit einem ersten Schritt. Ich laufe aus dem Stadtzentrum hinaus und folge der Hauptstrasse in nördlicher Richtung, wo ich nach ungefähr 15 bis 20 km auf den Wanderweg E1, welcher hier für wenige hundert Kilometer entlang des regionalen Berglagsledens verläuft, stossen werde. Das Wetter ist anfangs perfekt, sonnig bis bewölkt und nicht zu heiss. Dies entschädigt ein wenig dafür, einer Strasse entlang laufen und immer wieder dem vorbeibrausenden Verkehr ausweichen zu müssen. Nach einigen Kilometern bekomme ich aufgrund der monotonen Bewegungen und des harten Untergrunds bereits etwas schwere Beine, und ich gönne mir beim Dorf „Kil“ eine ausgiebige Pause im Schatten eines grossen Baumes neben einer Kirche.

In diesem Ort besorge ich mir auch gleich eine Flasche kühles Mineralwasser sowie Mückenspray. Als ich nämlich einmal auf einen neben der Strasse entlangführenden Waldweg ausweichen wollte, wurde ich bereits zum ersten Mal von unzähligen Mücken und Fliegen angegriffen. Ich bin darauf schnell auf die Strasse zurückgekehrt – der harte Untergrund und der Verkehr erschienen mir in diesem Moment das kleinere Übel zu sein als gleich am ersten Tag zerstochen zu werden. Die Hitze hat am Nachmittag zugenommen, und ich komme gegen Abend ziemlich erledigt bei einem kleinen Weiler namens „Lockhyttan“ auf dem Bergslagsleden an. Dort schlage ich neben einem Wind-Shelter, einer Art kleinem Unterstand, welcher auf drei Seiten geschlossen und auf einer Seite offen ist, mein Zelt auf. Solche Shelter stehen den Wanderern auf diesem Weg in regelmässigen Abständen zwecks Wetterschutz zur Verfügung. Obwohl der Platz sehr schön ist, ich gerne noch ein Feuer gemacht hätte und ein wenig draussen gesessen wäre, bleibe ich im Zelt – ausserhalb hat es einfach zu viele Moskitos und Knotts, die kleinen, beissenden Fliegen. Ich bin froh, meine müden Beine ausstrecken zu können und lege mich früh schlafen.

Am nächsten Tag laufe ich meist im Wald. Es ist brütend heiss und zwischen den Bäumen leider oft völlig windstill. Da dies aber den im Wald lebenden Insekten offenbar sehr gefällt, sind die Mücken heute dauerpräsent. Ich komme nur schwerfällig voran, der Weg steigt regelmässig auf und ab und ich bin bereits am frühen Nachmittag müde und ausgepowert. Ich beschliesse deshalb, mit den Bus zum nahe gelegenen Campingplatz „Uskavi“ am Usken-See zu fahren. Bei der auf meiner Wanderkarte eingezeichneten Bushaltestelle teilt mir eine Frau, welche in der Nähe im Garten arbeitet, mit, dass hier schon lange kein Bus mehr fahre und die entsprechenden Schilder veraltet seien. Also gehe ich wohl oder übel zu Fuss und halte den Daumen nach oben, wenn Autos vorbeifahren, doch es nimmt mich niemand mit. Als ich schliesslich an einem Grundstück eines kleinen Dorfes vorbeigehe, kommt eine ältere Frau auf mich zu und fragt, wo ich hinmöchte. Sie hat, wie sie mir mitteilt, ohnehin im nächsten Dorf etwas zu erledigen, und im Nu finde ich mich in einem angenehm klimatisierten Auto bei einem netten Gespräch über meine Wanderung wieder. Die Frau, welche sich sehr für meine Wanderung interessiert und mir vom Norden und insbesondere von Norwegen vorschwärmt, fährt mich extra bis zum Campingplatz, obwohl sie nicht so weit hätte fahren müssen.
Ich bin sehr dankbar, so schnell angekommen zu sein, und buche an der Rezeption ein Bett in einem Vierbettzimmer für zwei Nächte. Ich bin zwar erst seit zwei Tagen zu Fuss unterwegs, merke aber, dass ich dringend Erholung brauche. Die lange Anreise und die Hitze der letzten beiden Tage haben mir zugesetzt, und nebst Blasen an den Füssen habe ich Druckstellen vom Rucksack an der Hüfte und an den Schlüsselbeinen. Zudem habe ich bereits zahlreiche Insektenstiche und einen Zeckenbiss. Der Campingplatz ist ziemlich voll, morgen ist „Midsommar“, das Fest der Sommersonnenwende, und viele Familien fahren an diesem Tag in die Natur, um zu feiern. Aus diesem Grund singt auf dem Campingplatz heute auch ein Live-Sänger. Ebenfalls wird ein mit grünen Blättern geschmückter Baumstamm aufgerichtet, der Mittsommerbaum. Gegen Abend sitze ich auf einer Bank mit Aussicht auf den See und sinniere darüber nach, wie schön es jetzt wäre, den Freitagabend und das Wochenende zuhause bei meinen Lieben verbringen zu können. Bevor ich mich aber zu sehr grämen kann, höre ich, dass der Sänger eines meiner Lieblingslieder des amerikanischen Country-Sängers Alan Jackson zum Besten gibt. Darüber freue ich mich, das Lied kam gerade im richtigen Moment.
Den nächsten Tag nutze ich, um auf dem schön gelegenen und gepflegten Campingplatz zu entspannen. Ich lese viel, unternehme kleine Spaziergänge auf dem Campinggelände und wasche meine Kleider.






Am nächsten Morgen steige ich auf der anderen Strassenseite gegenüber des Campingplatzes erneut in den Wald auf und folge dem Bergslagsleden für einige Kilometer. Auch heute ist es wieder sehr heiss, ich gerate sofort ins Schwitzen, was wiederum die Bremsen und Moskitos anzieht, und nach kurzer Zeit ringe ich mich zu einer Planänderung durch: Ich werde während den nächsten zwei Tagen nicht wie geplant auf dem Bergslagsleden, sondern sozusagen „freestyle“ entlang von Strässchen und Waldwegen bis zu meinem nächsten Etappenziel, dem Campingplatz Kloten laufen. Ich habe festgestellt, dass es auf den breiteren Wegen einerseits windiger und somit kühler ist und andererseits weniger Insekten hat. Mit dieser Variante kürze ich zudem den Weg um einen Tag ab, was zwar nicht zum Ziel dieser Tour gehört, mir aber angesichts der langen Anreise und des verzögerten Starts zumindest nicht ungelegen kommt. Gesagt – getan, ich suche mir auf der Karte eine Route heraus, welche möglichst nicht kleinen und überwachsenen Trampelpfaden, aber auch nicht nur den Hauptstrassen folgt. So mache ich mich auf in Richtung Stora, einem kleinen Ort am See „Rasvalen“, und ich merke an meinem Gefühl sofort, dass dies die richtige Entscheidung war. Ich fühle mich leichter und freier, und nicht so eingeengt wie im dichten, heissen Wald.
Die Wegführung klappt insgesamt ziemlich gut, aber nachdem ich kurz vor einem Dorf einer Waldstrasse folge, welcher mir einen Abschnitt auf der Asphalt-Strasse ersparen sollte, finde ich mich, nachdem ich aus dem Wald heraustrete, unvermittelt inmitten eines mit einem hohen Zaun umfriedeten und mit grossen Toren abgeriegelten Geländes wieder. Ich bin, ohne es zu bemerken, auf das eingezäunte Areal eines Industrie-Betriebes geraten. Ach so, dies hat also auf dem Schild einer Wegsperre, neben welcher ich zu Fuss ohne weiteres habe vorbeigehen können, gestanden. Heute ist Sonntag, also ist niemand am arbeiten. Verzweifelt laufe ich zum Haupttor, welches jedoch mit einem dicken Vorhängeschloss gesichert ist. Was nun? Zurücklaufen wäre viel zu weit, und der Zaun ist gegen oben durchgehend mit Stacheldraht gesichert. Ich suche einen anderen Ausgang, jedoch ist auch das zweite Tor, zu welchem ich hingehe, verschlossen. Ich schaue auf der Karte nach, wo genau die Grenze des Areals verläuft, und gehe ein kleines Stück den Waldweg entlang zurück. Die Hauptstrasse liegt nur ungefähr 100m von diesem Weg entfernt, und so finde ich glücklicherweise einen Durchschlupf durchs Dickicht, ohne in einen Sumpf oder einen Graben zu geraten. Auf der Strasse angekommen, nehme ich mir vor, zukünftig besser auf allfällige Warnschilder zu achten, auch wenn ich die schwedischen Worte oftmals nicht verstehe. Gegen Mittag gönne ich mir eine ausgiebige Pause bei der Badestelle eines Sees, ziehe die Schuhe aus und strecke meine bereits wieder schmerzenden Beine aus. Es windet hier ziemlich stark, und zum ersten Mal, seit ich in Schweden angekommen bin, fröstle ich ein wenig in meinem T-Shirt.



Als ich nach den letzten Kilometern in der brütenden Sonne in Stora ankomme, ist es erst Mitte Nachmittag, ich mag aber trotzdem nicht mehr weiterlaufen, und frage einen Mann, welcher mit zwei Jungen im Dorf unterwegs ist, nach einer Übernachtungsmöglichkeit hier im Ort. Offenbar gibt es das nicht, der Mann bietet mir aber unverhofft an, mein Zelt im Garten seiner Familie aufzustellen. Er ruft noch kurz seine Frau an, welche einverstanden ist, und ich nehme das grosszügige Angebot sehr gerne an. Ich suche mir ein schattiges Plätzchen auf dem schönen Grundstück der Familie und stelle mein Zelt auf. Ich hätte sogar im Gästezimmer übernachten dürfen, bin aber mit einem weichen, ebenen Zeltplatz mehr als zufrieden. Die Familie nimmt mich herzlich auf wie einen offiziell geladenen Gast, ich kann duschen und werde gleich zum Essen eingeladen. Es gibt das für Schweden typische Midsommer-Mahl, Jungkartoffeln mit Hering und Sauerrahm. Anschliessend werde ich gefragt, ob ich mit der Familie zu einem in der Nähe von Stora gelegenen See fahren möchte, wo es eine wunderschöne Badestelle geben soll. Auch zu dieser Einladung sage ich nicht nein, und nach einer kleinen Runde schwimmen kommt es mir vor, als sei ich extra hierhergefahren, um hier bei dieser Familie Urlaub zu machen. Ich fühle mich einfach nur wohl und kann die Anspannungen der letzten Tage komplett loslassen.

Schliesslich werde ich noch zu einem vorzüglichen frisch gekochten Abendessen eingeladen, welches von Noah, einem der Söhne der Familie, und seinem Mitbewohner Isak gekocht wird. Noah und Isak sind Mitglieder der aufstrebenden schwedischen Garage-/Indie-Rockband Tribe Friday, welche im Winter 2020 auf Tour in Amerika war und deren Songs im schwedischen Radio zurzeit rauf und runter gespielt werden. Ich beteilige mich gerne an den Vorbereitungen für das Abendessen und helfe fleissig Gemüse schnippeln. Nach gemütlichem Zusammensitzen und einem spätabendlichen Gartenrundgang mit der Hausherrin lege ich mich schliesslich, immer noch völlig überwältigt von so viel Freundlichkeit und bedingungsloser Gastfreundschaft, im Zelt zufrieden schlafen.
Der fünfte Tag meiner Wanderung beginnt, dem gestrigen Nachmittag und Abend entsprechend, sehr gut. Ich bin ausgeschlafen, das Wetter ist endlich ein wenig kühler, und die Kilometer fliegen mir sprichwörtlich nur so um die Ohren. Zudem scheint heute eine Art Tag der Tiere zu sein: Am Morgen fliegt direkt neben mir ein wunderschöner, bunter Vogel auf, hellbraun-gefleckt mit einem gelben Kopf, es könnte eine Goldammer gewesen sein. Wenig später sehe ich vor mir auf einem Waldweg ein Reh, welches sich von mir nicht aus der Ruhe bringen lässt, sondern für eine Weile einfach weiterspaziert, bis es dann mit einigen Sätzen im Dickicht verschwindet. Kurz vor Mittag, als ich bereits die Hälfte der für heute geplanten Wegstrecke hinter mich gebracht habe, entdecke ich plötzlich nur ungefähr drei Meter vor mir an einem Baumstamm auf Augenhöhe einen Buntspecht. So nahe habe ich noch nie einen Specht gesehen, und langsam und ohne hastige Bewegungen krame ich mein Handy hervor, um zu fotografieren. Kaum bin ich bereit, verschwindet der kleine Kerl jedoch und versteckt sich hinter dem Stamm. Abwechselnd lugt er jeweils auf der einen und dann auf der anderen Seite hervor, jedoch immer nur so kurz, dass ich das Foto knapp nicht auslösen kann, so als wolle er mich ärgern. Ich muss fast lachen und freue mich trotzdem über diese Begegnung – auch ohne Foto.
Während einer kurzen Mittagspause an einem See muss ich einige neu entstandenen Blasen einbinden. Das ständige Gehen auf harten Asphalt- und Schotterstrassen oder staubigen Waldwegen tut meinen Füssen nicht gut, und obwohl meine Schuhe durch Trailrunning und Wandern schon lange eingelaufen sind und perfekt passen, entwickeln sich auf solchem Terrain unter Umständen dennoch Blasen – nämlich an der Unterseite der Füsse. Mit dem Tape geht das Laufen besser, und ich werde zudem abgelenkt von zwei Schlangen, welchen ich auf und neben einem Weg begegne. Bei der ersten handelt es sich um eine Ringelnatter, also völlig harmlos, die zweite ist eine giftige Kreuzotter.



Nachdem ich auf verschiedenen Strässchen und Wegen mithilfe der Karte einen riesigen Wald durchquert habe, komme ich schliesslich in Kloten an. In den Gruppenhäuser des dortigen Campingplatzes ist leider kein Zimmer mehr frei, jedoch bietet mir der herzliche Betreiber des Platzes einen Zeltplatz am See an. Mit 100 SEK (Schwedische Kronen, entspricht ungefähr 10 Franken) ist dieser Zeltplatz sehr günstig, und zudem wunderschön gelegen. Der Betreiber kümmert sich rührend, und füllt mir sogar einen Kanister mit kaltem Wasser ab, den er mir von der Rezeption zum Zeltplatz trägt. Eigentlich gibt es hier offiziell keine Mahlzeiten, da sich auf dem Gelände jedoch zurzeit eine Schulklasse aufhält, kocht der Betreiber heute Chicken-Paella im grossen Stil. Er bietet mir an, ebenfalls mitzuessen, und ich darf mir gegen Abend für nur 50 Kronen zwei Essensboxen mit Paella und gemischtem Salat abholen.

Ja, wie bin ich denn insgesamt gestartet? Irgendwie nicht ganz leicht, da ich gleich von Anfang an und bis jetzt mit der Hitze und den Mücken zu kämpfen habe. Seit ich angekomen bin, wird es in Schweden von Tag zu Tag heisser, und es bleibt noch die ganze Woche so. Zudem muss sich mein Körper erst wieder aufs Wandern umstellen, indem sich die Gelenke ans Laufen gewöhnen müssen, die Schultern und Hüften an den Rucksack und die Füsse an die Strassen. Des Weiteren gelingt auch die Umstellung vom häuslichen, gemachten Nest zum völligen auf-sich-alleine-gestellt-sein in einem fremden Land nicht immer gleich gut, wie bei mir in meiner ersten Woche hier in Schweden. Mich hat es diesmal voll erwischt, und das Heimweh war in gewissen Momenten schwer auszuhalten. Dies alles pendelt sich jedoch von Tag zu Tag mehr ein, und aus Erfahrung weiss ich, dass sich ein wenig Geduld auszahlen wird. Man muss während schwierigen Tagen einfach gut zu sich schauen, nicht übertreiben, weder mit zu laufenden Distanzen, Ambitionen noch mit Vorstellungen, wie der Anfang einer Tour auszusehen hat. Aus diesen Gründen habe ich mir beispielsweise bereits am dritten Tag einen Pausentag gegönnt, was mir unendlich gut getan hat. Auch die unverhoffte Einladung der Familie in Stora hat ihren Teil dazu beigetragen, mich zunehmend wohler zu fühlen. Schmerzen gehen vorbei, und an den Rest kann man sich gewöhnen. Ich freue mich jedenfalls auf die weiteren Abschnitte, und vor allem darauf, dem nördlichen Skandinavien stets ein Stückchen näher zu kommen.