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Mein Aufbruch in den Norden rückt immer näher, und die letzten Tage vor meiner Abreise vergehen wie im Flug. Die Ausrüstung liegt ausgebreitet auf dem Esstisch, und nachdem ich das Gesamtgewicht, welches ich auf dem Rücken tragen werde, ausgerechnet habe (ca. 8,5 kg ohne Sprit, Wasser und Verpflegung), lasse ich doch noch das eine oder andere, was mir anfangs wichtig erschien, aber einfach zu schwer ist, weg. Danach packe ich meinen Rucksack und setze mich nochmals mit meiner geplanten Wanderroute auseinander. Dabei trage ich die wichtigsten vorgesehenen Wegpunkte in eine Karte ein.

Meine Liste mit den sonst noch zu erledigenden Dingen habe ich grösstenteils schon frühzeitig abgearbeitet, so dass ich mich in den verbleibenden Tagen ausgiebig meiner Familie, meinen Freunden und meinem Garten widmen kann. Am letzten Samstagabend feiern wir spontan ein kleines Garten-Grillfest bei uns zuhause. Am Tag vor der Abreise schiessen mir tausende Gedanken durch den Kopf, und ich kann mir in diesem Moment gar nicht recht vorstellen, mein Zuhause und vor allem meine Liebsten für mehr als vier Monate nicht mehr zu sehen. Wie wird es sich anfühlen, solange von zuhause fort zu sein? Werde ich mich wieder an das Alleinsein gewöhnen können? Wie wird die Anreise nach Schweden klappen, und werde ich dort den Einstieg in den Wanderweg leicht finden? Die lange verspürte Vorfreude ist mir plötzlich und unerwartet abhandengekommen – so habe ich mir meinen Abschied nicht vorgestellt.

Auf einem letzten Spaziergang mit meinem Mann versichern wir uns, dass wir uns im Rahmen der Möglichkeiten gegenseitig an unseren jeweiligen Erlebnissen teilhaben lassen werden. Ich bin in diesem Moment unendlich froh, ihn als Stütze zu haben, im Wissen, meine mir bevorstehenden Freuden und Sorgen jederzeit mit jemandem teilen zu können. Beim letzten Gartenrundgang stelle ich mir vor, wie unsere vielen Pflanzen in vier Monaten aussehen werden – und freue mich bereits wieder auf den Moment, wenn ich im Herbst um die Ecke unserer Strasse biegen und unser Haus erblicken werde. Nun denn – der Plan steht, alles ist vorbereitet und ich weiss, dass ich mich nach dem einmal geschafften Abschied kopfüber in mein Abenteuer stürzen und ganz in meinem Vorhaben aufgehen werde. Schließlich ist es das, wovon ich bereits seit vielen Monaten geträumt und worauf ich mich lange vorbereitet habe. Dennoch kommt mir das ganze Unterfangen auf einmal ein wenig verrückt vor….

Am nächsten Morgen früh verabschiede ich mich am Bahnhof schweren Herzens von meinem Mann; wir können einander fast nicht loslassen angesichts des Bewusstseins, uns erst in einigen Monaten wieder in die Arme nehmen zu können. Ein letzter Blick, und die Türe des Zugs schliesst sich hinter mir. Nach einigen verdrückten Tränen befasse ich mich dann aber mit meiner Anreise nach Schweden, studiere nochmals die Zug- und Fährverbindungen und suche mir auf der ersten Wanderkarte, welche Örebrö und Umgebung abbildet, den Einstieg in den Wanderweg E1. Der ICE von Basel nach Hamburg hat 30 Minuten Verspätung, und so verpasse ich den Regionalzug von Hamburg nach Kiel. Ich bin bereits in den nächsten Zug nach Kiel eingestiegen, als mir mittels Durchsage mitgeteilt wird, dass dieser Zug und auch einige Nachfolgende ausfallen werden. So steige ich wieder aus und stehe geschlagene 2,5 Stunden am Hauptbahnhof Hamburg vor der Anzeigetafel, auf welcher mit einer gewissen Regelmässigkeit bei allen möglichen Verbindungen nach Kiel die Meldung „Zug fällt aus“ erscheint. Nach kurzer Zeit wird mir klar, dass ich die gebuchte (und heute letzte) Fähre von Kiel nach Göteborg, welche um 18.45 Uhr ablegen würde, nicht mehr erreichen kann. Also stelle ich mich darauf ein, heute irgendwie noch nach Kiel zu gelangen, um dort das dem Bahnhof nächstgelegene Hotel aufzusuchen und die Nacht dort zu verbringen anstatt in meiner gebuchten Schiffskabine. Von der Deutschen Bahn werde ich hoffentlich die zusätzlich entstandenen Kosten rückerstattet bekommen…

Endlich höre ich per Lautsprecher, dass in Kürze ein Zug in Richtung Kiel fahren wird. Dort angekommen, verbringe ich den Abend in einem Hotel, suche mir für den nächsten Tag eine Fährverbindung, lache innerlich über diesen chaotischen Start, und erinnere mich an vor zwei Jahren, als ich auf meiner Anreise zur Nordkalottruta in Norwegen aufgrund eines technischen Defekts am Flughafen meinen Anschlussflug von Oslo nach Alta verpasst hatte. Ich weiss, aufregen bringt nichts, und so nehme ich’s einigermassen gelassen – ich verreise schliesslich nicht, um vor Beginn der eigentlichen Wanderung noch einmal in Stress zu geraten…

Die nächste Fähre legt erst 24 Stunden später ab, und so habe ich in Kiel den ganzen nächsten Tag zur Verfügung, um noch einige Dinge zu erledigen – wie beispielsweise eine Poststelle aufzusuchen. Ich habe zwei Pakete mit neuen Wanderschuhen, Karten für die jeweils bevorstehenden Abschnitte, Verbrauchsgegenstände wie Seife und Zahnpasta, wärmere Kleidung wie eine Wollmütze und Fäustlinge sowie eine Stirnlampe vorbereitet und mitgenommen. Diese werde ich mir an zwei Campingplätze (in Fjällnäs, Schweden, und in Sulitjelma, Norwegen) schicken. Beide Camping-Betreiber haben nach einer Anfrage per E-Mail eingewilligt, die Pakete entgegenzunehmen und für mich aufzubewahren, bis ich bei den Campingplätzen ankommen werde und die Pakete entgegennehmen kann. Zudem bereite ich ein Schreiben an die Deutsche Bahn vor und geniesse am Nachmittag eine Hafenrundfahrt durch den interessanten Kieler-Hafen.

Obwohl der Tag kurzweilig ist, bin ich froh, wenn ich Deutschland endlich verlassen kann und mich auf der Fähre befinde. Um 18 Uhr gehe ich an Bord des riesigen Schiffes, und während der Ausfahrt aus dem Hafen feiere ich bei schönstem Sonnenschein und einem grossen Bier, dass ich trotz einiger Hindernisse nun bald meinen Startort erreichen werde.

Am nächsten Morgen in Göteborg muss ich mich mit dem nächsten Hindernis auseinandersetzen: Ich traue meinen Ohren kaum, als mir der freundliche Herr am Bahnschalter erklärt, dass für heute und auch morgen sämtliche Züge nach Örebro ausgebucht seien. In Schweden haben vor wenigen Tagen die Sommerferien begonnen, und offenbar machen alle Göteborger im Sommer genau dort Urlaub, wo ich wandern gehen möchte. In dieser Reise scheint irgendein Wurm drinzustecken… Nach einigem Suchen findet sich aber trotzdem ein freier Platz in einem Regionalzug, welcher zwar erst drei Stunden später losfährt und doppelt so lange unterwegs ist wie der direkte Schnellzug, mich jedoch heute zumindest noch in die Nähe von Örebro bringt. Ich zögere nicht lange, und nach sechs Stunden und zweimaligem Umsteigen in Regionalbusse komme ich gegen Abend doch noch in Örebro an. Heute war ich bereits genug unterwegs, und so beschliesse ich, nochmals in einem Hotel zu übernachten, um dann morgen hoffentlich ausgeruht endlich mit meiner Wanderung beginnen zu können.

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